Alte Scherben: Lydith 3,5/30 mm an NIKON Z7

Alte Scherben an digitalen Kameras: Das 3,5/30 mm LYDITH

Schwarzweiss-Landschaftsfoto Scheune auf freiem Feld. Aufnahme mit 3,5/30 mm Lydith Meyer-Optik Görlitz. Foto: Dr. Klaus Schörner

Lydith – meines Wissens tritt der Name fotohistorisch nur zweimal in Erscheinung: Bei einer aktuellen Neuentwicklung – und bei diesem kleinen 30 mm Weitwinkelobjektiv aus den 1960er Jahren, das ich heute vorstellen möchte. Das Gehäuse-Design des Lydith zeigt den typischen "Zebra"-Look der DDR-Objektive aus dieser Zeit. Brennweite und Bildwinkel sind ungewöhnlich und liegen zwischen den gängigen Festbrennweiten 28 und 35 mm ...

Das Lydith trägt die Aufschrift "Meyer-Optik Görlitz" und erinnert damit an das Görlitzer Traditionsunternehmen "Optische und Feinmechanische Werke Hugo Meyer & Co“. Letzteres gab es allerdings zur Zeit des Lydith schon nicht mehr. Mit der Verstaatlichung kurz nach Kriegsende war es zum "VEB Feinoptisches Werk Görlitz" mutiert. Hergestellt wurde das Lydith dort von 1963 bis 1970*. Danach wurden diverse optische Betriebe der DDR zum Kombinat VEB Pentacon Dresden verschmolzen und im Zuge dessen verschwand dann auch der Name Lydith. Unser Weitwinkelobjektiv wurde aber mit einem etwas veränderten, an den Geschmack der 1970er Jahre angepassten Gehäusedesign (d.h. unter anderem ohne die "Zebrastreifen") weiter gebaut und hieß fortan Pentacon 3,5/30mm.

* Kadlubek, Kadlubeks Objektiv-Katalog, Verlag Rudolf Hillebrand, Neuss, 1. Aufl. 2000, Seiten 48, 55.

Erfahrungen mit dem 3.5/30 mm Lydith: Hier an einer analogen Pentacon F. Foto: bonnescape

Oben: Das 3,5/30 mm Lydith von 1963 an einer Pentacon F aus den 1950er Jahren. Während die rund zehn Jahre ältere Kamera bereits über eine Steuerung für Springblenden verfügt, setzt das Objektiv noch auf die Vorwahlblende.

Mit Lichtstärke 3,5 und 71° Bildwinkel war das 5-linsige Lydith zu seiner Zeit wohl so etwas wie der verbesserte Nachfolger des lichtschwächeren und weniger weitwinkligen 4,5/35 mm Primagon. Produziert wurde es für Kameras mit M42-Schraubgewinde, außerdem mit Exakta-Bajonett und eine Zeit lang auch mit Pentina-Anschluss. Die kürzeste Einstellentfernung beträgt 33 cm, in das Filtergewinde lassen sich gängige Filter mit 49 mm Durchmesser einschrauben. Zehn Blendenlamellen sorgen für eine annähernd runde Blendenöffnung. Beachtlich ist, dass die Lydith-Varianten für M42 und Exakta nicht mit Springblende* ausgestattet sind, sondern noch nach dem Prinzip der Vorwahlblende funktionieren. Das war in den 1960er Jahren eigentlich schon nicht mehr Stand der Technik. Bei diesem Prinzip der Blendensteuerung zieht man den vorderen Teil des Blendenrings gegen einen Federwiderstand einige Millimeter heraus, dreht ihn mit seiner roten Punktmarkierung auf den gewünschten maximalen Blendenwert und lässt ihn wieder einrasten. Danach kann man durch Drehen des gesamten Blendenrings recht schnell zwischen Offenblende und der vorgewählten Arbeitsblende wechseln. Die Blendenvorwahl ist beim Lydith in ganzen Blendenschritten gerastet, der Drehweg für das Auf- und Abblenden verläuft aber stufenlos ohne Rastschritte. Das erfreut sich bei Fotografen, die ihre Kameras für die Video-Produktion einsetzen, heutzutage wieder einiger Beliebtheit, da das Bedienen der Blende damit keine Geräusche auf der Tonspur hinterlässt.

* Bei der Springblende wird die Blende von der Kamera automatisch bis zum eingestellten Wert geschlossen, so lange der Film belichtet wird. Davor und danach ist die Blende geöffnet und das Sucherbild bleibt hell. Entsprechend ausgestattete M42-Objektive haben dazu einen Steuerstift, der in die Kamera hineinragt und beim Hineindrücken die Blende schließt. 

Erfahrungen mit dem 3.5/30 mm Lydith: Der Vorgänger, das 4,5/35 mm Primagon. Foto: bonnescape
Bericht zum 3.5/30 mm Lydith: Freigestelltes Produktfoto. Foto: bonnescape

 

Oben: Etwas lichtschwächer und weniger weitwinklig, der Vorgänger des Lydith aus den 1950er Jahren, das 1:4,5/35 mm Primagon in der Exakta-Variante. Die blanke und recht empfindliche Aluminiumoberfläche ist typisch für Objektive dieser Zeit.

 

 

Links: Das 3,5/30 mm Lydith mit M42-Anschluss. Fokus- und Blendenring sind mit der charakteristischen Zebra-Musterung der 1960er Jahre ausgestattet.

Lydithe sind heute sehr preisgünstig für Preise ab etwa 30 € zu bekommen. Der Pentacon-Nachfolger wird sogar noch preiswerter gehandelt. Mein Exemplar habe ich als "Beifang" bei einer Online-Auktion erhalten. Es befand sich in einem erbärmlichen Zustand, so dass ich ihm eine komplette Reinigung, Schmierung und Neujustierung in einer Fachwerkstatt spendiert habe. 

Fotografieren mit dem LYDITH

Meine Variante des kleinen Weitwinkelobjektivs ist gedacht für analoge Spiegelreflexkameras mit M42-Gewinde wie die noch etwas ältere Pentacon F, mit der zusammen ich das Lydith ersteigert habe. Mit dem M42-Anschluss erschließt sich ein großes Spektrum von Kameras der 50er bis 80er Jahre von Praktika über Pentax und Miranda bis Fujica und auch an einer modernen spiegellosen Digitalkamera macht das Lydith mit geeignetem Adapter keine schlechte Figur. Der ungewöhnliche Bildwinkel ist mir sympathisch. Bildelemente im Randbereich werden nicht so verzerrt wiedergegeben wie mit einem 28 mm Objektiv. Zugleich haben die Bilder aber spürbar mehr Raum als solche, die mit einem 35er aufgenommen wurden. Insgesamt empfinde ich die Perspektive des Lydith als noch natürlich – ganz im Sinne einer "Normalbrennweite" mit etwas mehr "Luft zum Atmen".

Test mit dem 3.5/30 mm Lydith mit Kiwi-Adapter M42-NZ an der Nikon Z7. Foto: bonnescape

Oben: Das 3,5/30 mm Lydith mit Kiwi-Adapter "M42-NZ" an der Nikon Z7.
Mit dieser handlichen Kombination entstanden die Beispielfotos zu diesem Beitrag.

Detailauflösung und Scharfzeichnung des Objektivs sind in der Bildmitte gut. Je nach Motiv entsteht da fast so etwas wie ein dreidimensionaler Effekt, den ich interessant finde. Zu den Bildrändern nimmt die Schärfe deutlich ab. Das ändert sich auch beim Abblenden nicht wesentlich. Dadurch reduziert sich der mögliche Einsatzbereich des Lydith und die Vergrößerungsfähigkeit der hier abgebildeten Fotos bleibt generell hinter dem zurück, was ansonsten mit den 47 Megapixeln der Z7 möglich wäre. Es sei denn, man möchte die Randunschärfe bildwirksam einsetzen.

Ansonsten können sich die Bildergebnisse des kleinen Dreißigers durchaus sehen lassen. Angesichts der einfachen Vergütung hatte ich mehr Streulichteinwirkung erwartet. Das ist aber nicht der Fall, die Bilder sind trotz fehlender Gegenlichtblende kontrastreich und brillant. CAs bzw. Farbsäume an kontrastierenden Kanten fallen kaum ins Gewicht. Die Verzeichnung ist gering kissenförmig, was nur bei randnah verlaufenden, horizontalen Linien auffällt und sich in der Nachbearbeitung leicht korrigieren lässt. Das Bokeh ist weich und unaufgeregt, was sicher ein Resultat der nahezu kreisrunden Blendenöffnung ist. Auch mechanisch zeigt sich das Lydith beim Fotoeinsatz im positiven Sinne unauffällig. Fokussierring und Blendenring laufen weich und präzise und sind gut positioniert, so dass meine Finger sie auch ohne Hinschauen finden.

Schwarzweiß-Foto Hintergärten im Erftkreis, 2020. Nikon Z7 mit 3,5/30 mm Lydith von Meyer-Optik Görlitz. Foto: Dr. Klaus Schörner

Oben: Der weiße Zaun. Aufnahme mit dem 3,5/50 mm Lydith mit Kiwi-Adapter an der Nikon Z7. 1/800 Sekunde, Blende 11, ISO 400. Cokin-Filterhalter mit Polfilter.

Praxistest mit dem 3.5/30 mm Lydith: Schärfe in der Bildmitte. Foto: bonnescape

Oben: 100% Crop aus der Bildmitte. Die Blätter werden scharf und plastisch abgebildet.

Scheune auf freiem Feld, Aufnahme mit dem 3.5/30 mm Lydith an der Nikon Z7. Foto: bonnescape

Oben: Scheune auf freiem Feld. Aufnahme mit dem 3,5/50 mm Lydith mit Kiwi-Adapter an der Nikon Z7. 1/500 Sekunde, Blende 11, ISO 400. Cokin-Filterhalter mit Polfilter und Grauverlaufsfilter 0.9

Detailschärfe im Bildzentrum, 3.5/30 mm Lydith. Foto: bonnescape

Oben: 100%-Crop aus dem vorherigen Bild, Bildmitte. Gute Schärfe.

Erfahrungen mit dem 3.5/30 mm Lydith. 100% Crop am Bildrand. Foto: bonnescape

Oben: Noch ein 100%-Crop aus dem gleichen Bild, Randbereich rechts. Da ist nix mehr scharf.

Schwarzweiss-Landschaftsfoto Scheune auf freiem Feld, Erftkreis, 2020. Aufnahme mit Nikon Z7 und 3,5/30 mm Lydith Meyer-Optik Görlitz. Foto: Dr. Klaus Schörner

Oben: Scheune auf freiem Feld. Aufnahme mit dem 3,5/50 mm Lydith mit Kiwi-Adapter an der Nikon Z7. 1/500 Sekunde, Blende 11, ISO 400. Cokin-Filterhalter mit Polfilter und Grauverlauffilter 0.9. Die gering tonnenförmige Verzeichnung der Horizontlinie ließ sich in der Nachbearbeitung problemlos ausgleichen.

Fazit:

Ja, es gibt schärfere Objektive. Vor allem im Randbereich. Man muss schon bewusst eine Konzentration der Schärfe auf die Bildmitte beabsichtigen, um das Lydith in der Landschaftsfotografie mit hochauflösenden Kameras sinnvoll einsetzen zu können. Insofern sind die Beispielfotos dieses Berichts Paradebeispiele für die Hervorhebung dieser Schwäche des Weitwinkelobjektivs. Damit erschöpft sich die Kritik aber auch schon. Das 5-linsige Lydith ist angenehm kompakt, mechanisch gut verarbeitet und seine optischen Stärken zeigen sich in Bildergebnissen mit wenig Abbildungsfehlern und, wie gesagt, guter Scharfzeichnung in der Bildmitte mit plastischer und brillanter Detailwiedergabe. An analogen Kameras oder Digitalkameras mit niedriger bis normaler Auflösung spielen dann auch die Randunschärfen keine so starke Rolle mehr, da man derartige Bilder tendentiell weniger stark vergrößern wird. Die 71° Bildwinkel, die das 30 mm Objektiv bietet, empfinde ich als angenehm. Ohne die ausgeprägten Eigenschaften eines Weitwinkels verleiht das Lydith den Bildern mehr Raum und sein ruhiges Bokeh ermöglicht plastische Schärfe-Unschärfe-Kontraste. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, wie preiswert entsprechende Exemplare heute zu bekommen sind. Seinerzeit mit dem ostdeutschen Qualitätssiegel Q1 versehen, ist das Lydith heute wahrscheinlich eines der am meisten unterschätzten Objektive aus DDR-Produktion.

Copyright 2020 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


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Kommentare: 2
  • #1

    Mario (Montag, 19 Oktober 2020 11:47)

    Hallo Klaus,
    dein Artikel macht Lust die alten Optiken nochmal raus zu suchen. Ich habe so ein Primagon 35 mm wie in deinem Artikel abgebildet mit nebligen Linsen. Das gehörte meinem Opa und hat Exakta-Anschluss. Wer macht so eine Reinigung und was kostet das etwa? Oder kann man das selbst machen?

  • #2

    Klaus (admin) (Montag, 19 Oktober 2020 13:24)

    Hallo Mario,
    ich rate beim Primagon davon ab, das selbst zu machen. Wenn es allein um Ausbau und Reinigung der Frontlinse geht, das könnte man mit etwas Geschick und dem richtigen Werkzeug noch selbst bewerkstelligen. Alles andere ist an dem Objektiv hochkompliziert, erfordert feinmechanische Kenntnisse und bedarf im Anschluss einer Feinjustierung. Es lohnt sich auch nicht. Z.B. bei Olbrich in Görlitz zahlt man für eine komplette Überholung etwa 60 €. Dabei wird alles zerlegt, gereinigt, gefettet und wieder zusammengebaut. Und im Fall des oben beschriebenen Lydith gab's auch noch eine neue Frontlinse und neue Blendenlamellen. Hat allerdings 3 Monate gedauert. Ich erwähne diese Werkstatt als Beispiel, weil ich da ganz frische Erfahrungen habe. Es gibt auch andere Werkstätten mit Spezialisierung auf Altglas, die wahrscheinlich ähnliche Preise haben.
    VG, Klaus