Shift/Tilt-Objektive an NIKON APS-C Kameras

NIKON Shift/Tilt-Objektive an APS-C Kameras

Praxisbericht NIKON Shift/Tilt PC-E Objektive an APS-C Kameras. Copyright 2020 by bonnescape.

In der aktuellen NIKON-Produktpalette finden wir verstellbare Objektive mit den Brennweiten 19, 24, 45 und 85 mm. Alle vier haben gemeinsam: Sie sind groß, schwer, teuer und für Vollformatsensoren gerechnet. Daher zählen DX Kameras nicht unbedingt zu den typischen Aufnahmegeräten für den Einsatz solcher Objektive. Dass die Kombination in bestimmten Aufnahmesituationen dennoch vorteilhaft sein kann, möchte ich im folgenden Beitrag zeigen.

Irgendwie passt es nicht so richtig, aber ...

Bekanntermaßen haben NIKON DX Spiegelreflexkameras kleinere Bildsensoren, aber das gleiche Auflagemaß wie ihre Schwestermodelle mit Vollformatsensor. Dass sich die NIKON-Konstrukteure unter diesen Umständen mit Weitwinkelobjektiven schwerer tun als für das Vollformat, hat physikalische Gründe und ist kein Geheimnis. Entsprechend ist die Auswahl an guten Lösungen im extremen Weitwinkelbereich gering und an aktuell produzierten PC (= "perspective control") Brennweiten stehen sogar nur die eingangs erwähnten vier Varianten zur Verfügung. Deren Bildwinkel werden durch den kleineren Sensor allerdings beschnitten. So entspricht der Effekt des 24 mm PC-E an einer DX-Kamera unspannenden 36 mm und selbst das kostspielige 19 mm Objektiv liefert einen Bildwinkel, der im Vollformat dem eines moderaten 28 mm Weitwinkels entspricht. Und da wir gerade bei den Argumenten gegen eine Verwendung der PC-E Objektive an den "kleinen" NIKONs sind: Bei vielen Modellen passt es auch nicht richtig. Die Beweglichkeit bestimmter Elemente an den Shift-Optiken wird mitunter durch weit vorragende Prismensucher oder Handgriffe limitiert und je nach Verstellweg muss man auch schon mal achtgeben, dass man sich nicht die Finger klemmt.

Praxistest NIKON Shift/Tilt PC-E Objektive an DX Kameras. Copyright 2020 by bonnescape.

Oben: Mit den längeren Brennweiten, hier dem PC-E Micro NIKKOR 45 mm 1:2,8D ED, gibt es an der guten alten D200 trotz weit vorstehendem Prismensucher keine Beeinträchtigung der Dreh-, Tilt- und Shift-Bewegungen. Manchmal aber nur mit 1 mm Abstand zum Kameragehäuse.

Einschränkungen beim Verstellen von NIKON PC-E Objektive an DX Kameras. Copyright 2020 by bonnescape.

Oben: Bei Kameras mit weit vorstehendem Sucher – meist sind es die mit integriertem Ausklappblitz – ist die Beweglichkeit des kurzgebauten PC-E NIKKOR 24 mm 1:3,5D ED an verschiedenen Stellen eingeschränkt. Hier ist es der Friktionsknopf zur Shift-Steuerung, der beim Drehen in den Horizontal-Shift oben gegen das Gehäuse der D200 stößt. Man kann sich damit behelfen, dass man das Objektiv in die andere Richtung dreht, so dass der Knopf nach unten zeigt. Dann verschwindet allerdings der Feststellknopf unter dem Prismensucher, so dass man ihn vorher lösen und dann ohne Feststellen arbeiten muss. 

Limitierter Shiftweg bei NIKON Shift/Tilt Objektiven an APS-C Kameras. Copyright 2020 by bonnescape.

Oben: Eine andere typische Limitierung von verstellbaren Objektiven mit kurzer Brennweite an vielen DX-Kameras. Hier sind es ca. 2 mm, die beim Up-Shift des 24er PC-E weniger zur Verfügung stehen. 

Lohnt sich unter diesen Umständen überhaupt noch das Weiterschreiben zu diesem Thema? Ich denke doch, denn jetzt komme ich zu den positiven Erfahrungen, die ich mit Shift/Tilt-Objektiven an meinen APS-C NIKONs mache. Es sind weniger Architekturmotive, die ich damit fotografiere. Da brauche ich doch mehr die großen Bildwinkel und das Shiften verwende ich zur Perspektivkorrektur und nicht zum Stitchen. Aber für hochauflösende Landschaftspanoramen und beim Fotografieren von kleinen oder flachen Objekten im Fotostudio finden DX und PC-E's bei mir häufiger zusammen. Das möchte ich an zwei Beispielen zeigen:

Beispiel 1: Schmuck im Studio fotografieren

Fotos von Schmuck werden zumeist für die Bebilderung von Internetseiten und Katalogen verwendet. Die Auflösung der D500 beträgt 20 Megapixel und ist dafür sehr gut geeignet. Das PC-E Micro NIKKOR 45 mm 1:2,8D ED hat an der DX-Kamera einen Bildwinkel ähnlich einem Teleobjektiv mit ca. 70 mm Brennweite – mit etwas Abstand und realistischer Perspektive perfekt für die Produktfotografie im Studio. Seine fein aufgelöste, sehr scharfe Detailzeichnung nutze ich mit der DX bestens aus, zumal der kleine Sensor nur den Sweetspot in der Bildkreismitte abbildet. Da das Objektiv ein "Micro" ist, sind zudem Aufnahmeabstände bis zu wenigen Zentimetern möglich, so dass sich auch kleine Gegenstände wie z.B. ein Ring ohne weiteres Zubehör annähernd bildfüllend erfassen lassen. Häufig sind flächig ausgebreitete Ketten und Colliers zu fotografieren, bei denen ich eine etwas dynamischere Perspektive schräg von vorn bevorzuge. Der knappe Aufnahmeabstand sorgt dabei für eine geringe Schärfentiefe, so dass es auch mit maximalem Abblenden kaum möglich ist, ein Objekt von vorn bis hinten scharf zu bekommen. Ohne verstellbare Optik müsste ich eine Vielzahl von Einzelbildern mit schrittweise wandernder Scharfstellung machen (Focus Stacking) und diese später zusammenrechnen. Ganz abgesehen davon, dass Letzteres an den Übergängen nicht immer so ganz sauber funktioniert, bevorzuge ich da zugunsten schnellerer und exakterer Ergebnisse die Tilt-Funktion des PC-E. Dabei drehe ich mit dem Friktionsknopf die Schärfenebene kontrolliert auf das flach auf dem Tisch liegende Schmuckobjekt und stelle danach auf diese Ebene scharf.

Aufbau für Schmuckfotos mit NIKON Shift/Tilt PC-E Objektiv 45mm an der D500. Copyright 2020 by bonnescape.

 

 

 

 

 

Links: Aufbau für Schmuckfotografie mit dem 2,8/45 mm PC-E Micro NIKKOR an der NIKON D500. Eine Verlagerung der Schärfenebene durch Tilten ermöglicht durchgehende Schärfe von vorn bis hinten.

 

 

 

 

 

 

Unten: Bildbeispiel, aufgenommen mit dem oben gezeigten Aufbau bei Blende 16. Fokussiert wurde auf den grünen Opal, das Verlagern der Schärfeebene brachte den Ring und den gesamten Kettenverlauf in den Fokus. Collier und Ring von Christian Heyden, Köln. Foto für das Stilpunkte-Portal.

Beispielfoto Schmuck mit NIKON PC-E Objektiv 45 mm an D500. Copyright 2020 by bonnescape.

Beispiel 2: Panorama-Fotografie

In der Landschaftsfotografie ist das sogenannte Stitchen gängige Praxis. Man versteht darunter das Zusammenfügen von mehreren Einzelbildern zu einem sehr weitwinkeligen oder sehr hoch auflösenden Gesamtbild. Am besten dreht man die Kamera mit einem Panoramakopf und/oder einem Nodalpunktadapter um die Stativachse, um die unterschiedlichen Bildwinkel einzufangen. Shift-Objektive erleichtern bis zu einem gewissen Grad die Herstellung solcher Aufnahmen. Mit einem verstellbaren Objektiv kann die Kamera in ihrer mittigen Position verbleiben und man verschiebt lediglich den vorderen Teil der Shift-Optik, um die einzelnen Teilbilder zu erfassen. Der Vorteil liegt in dem Verzicht auf eine aufwändige Stativbefestigung und in einer hohen Passgenauigkeit, die das spätere Zusammensetzen zum Gesamtbild erleichtert.

Praxisbericht Panoramafotografie mit NIKON Shift/Tilt PC-E Objektiven an APS-C Kameras. Copyright 2020 by bonnescape.

Oben: Panoramafotografie mit PC-E NIKKOR 24 mm 1:3,5D ED und NIKON D500. Für die einzelnen Teilaufnahmen wird horizontal geshiftet. Vertikales Tilten sorgt für eine durchgehende Bildschärfe vom Vorder- bis in den Hintergrund.

Mit dem PC-E NIKKOR 24 mm 1:3,5D ED an der D500 mache ich zuerst eine mittige Aufnahme, also quasi in Nullstellung. Danach shifte ich nach links bis maximal zum Anschlag, mache eine weitere Aufnahme und schließlich das gleiche rechts. Falls ich für die linke und die rechte Aufnahme bis zum Anschlag geshiftet habe, treffen sich beide in der Mitte, überschneiden sich aber nicht. Daher ist die mittlere Aufnahme notwendig, um genügend Überlappung zum Stitchen zu bekommen. Das Resultat ist ein hochauflösendes Panoramabild mit rund 40 Megapixeln (D500) und einem weiten horizontalen Aufnahmewinkel, der sonst nur mit einer Brennweite von weniger als 12 mm (Vollformat <18 mm) zu erreichen wäre. Es kommt allerdings noch besser: Wenn ich horizontal shifte, kann ich mit einem PC-E NIKKOR zugleich in vertikaler Richtung tilten. Das ermöglicht mir das Kippen der Schärfenebene nach vorn zwecks Maximierung der Schärfentiefe, etwa, um vom Gras im Vordergrund bis zu der Baumreihe im Hintergrund alles scharf abzubilden. Das geht natürlich auch mit einer Vollformatkamera. Da sind die Einzelbilder und das Endresultat sogar noch etwas weitwinkliger und man kann sich die Nullaufnahme sparen, da sich linkes und rechtes Bild genügend überlappen. Dafür ist an den Bildrändern Vorsicht geboten. Der große Sensor nutzt nicht nur den Sweet Spot des Objektivs, sondern gegebenenfalls den gesamten Verstellbereich bis zum Rand des Bildkreises. Je nach Motiv zeigen sich an den Bildrändern dann weitwinkeltypische Verzerrungen. Stitchvorlagen für Panoramen, die ich mit der DX-Kamera fotografiere, sind daher in der Regel passgenauer als die, für die ich eine Vollformatkamera verwende.

Erfahrungsbericht Panorama Stitching, Erstellung der Teilaufnahmen mit NIKON Shift/Tilt PC-E Objektiv an APS-C Kamera. Copyright 2020 by bonnescape.

Oben: Teilaufnahmen Shift nach links bis Anschlag – Nullstellung Mitte – Shift nach rechts bis Anschlag. Tilt leicht nach vorn zugunsten einer Schärfeebene vom Gras im Vordergrund bis zu den Bäumen im Hintergrund.

Testbericht NIKON Shift/Tilt PC-E Objektive an DX Kameras für Panoramafotografie. Copyright 2020 by bonnescape.

Oben: Das mit der Photoshop Merge-Funktion aus den oben abgebildeten Teilaufnahmen fertig zusammengerechnete, durchgehend detailscharfe Panorama. Die Originalgröße beträgt 10.995 x 3.600 px

Fazit:

PC-E Objektive an NIKON DX Kameras mit dem kleinem APS-C Sensor, macht das also Sinn? Wie so häufig, lautet die Antwort: Es kommt darauf an, was man fotografieren möchte. Für Architekturaufnahmen ist diese Kombination für mich nicht die Lösung der Wahl. Vor allem, weil ich mit den zur Verfügung stehenden Brennweiten an einer DX nicht weitwinkelig genug arbeiten kann. Völlig anders ist das dort, wo es nicht so sehr auf große Bildwinkel ankommt. Da wird zum Beispiel bei Produktfotos im Studio die Normalbrennweite an der APS-C Kamera zum leichten Tele und Tilten ermöglicht eine kontrollierte Verlagerung der Schärfeebene, um Objekte von vorn bis hinten scharf abzubilden. Aber auch zur Herstellung von Stitching-Vorlagen für Panoramen oder zur Auflösungssteigerung machen sich PC-E Objektive an APS-C Kameras richtig gut und liefern passgenaue Einzelbilder, ohne dass die Kamera gedreht oder geschwenkt werden muss. Das geht nicht besser als mit einer Vollformat-NIKON, aber auch nicht schlechter.

Wer für seine DX NIKON die Anschaffung eines PC-E Objektives in Erwägung zieht, sollte aber zuvor die Passgenauigkeit prüfen. Nicht alle Varianten funktionieren uneingeschränkt mit allen DX-Kameras. Nebenbei bemerkt gilt das auch für manche Vollformatkameras. Insbesondere die kurzbrennweitigen Objektive stoßen aufgrund ihrer kompakten Bauweise mit ihren beweglichen Elementen schon mal an vorstehende Sucherprismen. Das ist übrigens auch bei manchen Vollformatkameras so und betrifft zumeist Kameras mit eingebautem Blitzgerät. Typische Einschränkungen sind dann ein um einige Millimeter geringerer Shiftweg in Richtung Prisma oder eine bestimmte Drehrichtung beim Schwenken zwischen Hoch- und Querformat, so dass man immer noch in die andere Richtung drehen und somit weiterarbeiten kann. Bei Kameras ohne integriertes Blitzgerät wie der D500 sind PC-E Objektive in der Regel ohne Einschränkungen verwendbar.

Copyright 2020 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


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Kommentare: 2
  • #1

    Cornelius v.H. (Samstag, 14 November 2020 10:11)

    Hallo Herr Schörner,
    ich schätze Ihre Berichte sehr, und auch das ist wieder ein guter Artikel. Danke dafür. Für mich stellte sich diese Frage bisher nicht. Nicht, dass es technisch keinen Sinn macht, da hatte ich schon vor Lesen Ihres Artikels keine Zweifel. Aber budgetmäßig passte es nicht zusammen. Meine D7200 habe ich mir als preiswertes Einstiegsmodell in das Nikon-System gekauft. Das wird wohl bei Vielen der Grund sein, sich eine DX-Kamera zu kaufen. Hätte ich Objektiv-Highlights mit Preisen jenseits der 1000-Euro-Grenze dazu anschaffen wollen, wäre meine Wahl auf eine Vollformatkamera gefallen. So besitze ich eher Objektive wie das ausgezeichnete 16-85 mm, das Sie ja auch irgendwo auf diesen Seiten beschrieben haben.
    Herzliche Grüße

  • #2

    Klaus (admin) (Samstag, 14 November 2020 17:17)

    Hallo Cornelius,
    danke für Ihr positives Feedback. Es ist sicher richtig, dass das DX-System bei Nikon den gängigen DSLR-Einstieg darstellt. Das hat allerdings nicht für Jeden und nicht nur und nicht immer Budget-Gründe. Erst recht, wenn man z.B. an eine D500 mit ihren Profi-Features denkt, deren Preis über dem mancher Vollformatmodelle liegt. Dass DX generell manchen Vorteil hat (und dabei denke ich jetzt mal gar nicht an Anschaffungspreise), habe ich ja in meinen Blog Post vom Mai 2018 (https://www.bonnescape.info/test-nikon-d500-macht-dx-heute-noch-sinn/) gezeigt. Es ist auch kein Zufall, dass ich selbst z.B. die meisten Fotos mit der D500 mache, während D4 und Z7 im Schrank schlummern. Intention dieses Beitrag war daher unter Anderem, darauf hinzuweisen, dass sich Besitzern von DX-Kameras die Welt der PC-Objektive nicht verschließt und dass es je nach Anwendungsbereich Sinn machen kann, beides miteinander zu kombinieren.
    VG, Klaus