Shift-to-Stitch mit Jumbo MBS

Test: "Shift-to-Stitch" mit dem Jumbo MBS Plus

Praxis-Test: Agno's Jumbo MBS Plus mit digitaler Spiegelreflexkamera Nikon D4 und Shift/Tilt PC-E 45 mm 1:2,8 D ED, Foto: bonnescape

Die NIKON PRO hat in Ausgabe 08/2010 lobend über ihn berichtet, den Stativadapter Jumbo MBS Plus des norditalienischen Herstellers AGNO'S. Dessen Konzept zur Herstellung von hochauflösenden Bilddaten mit NIKON PC-E Tilt/Shift-Objektiven ist vielversprechend. Dennoch findet das Teil hierzulande nur selten Erwähnung, wird von kaum jemand eingesetzt und acht Jahre nach der Markteinführung gibt es in Deutschland noch keine Bezugsquellen. Ich wollte mal wissen, was an der Sache dran ist und habe den "Jumbo" einem Praxistest unterzogen.

Ein Grund für die mangelnde Publicity in Deutschland mag sein, dass der Hersteller sich nicht kooperationsbereit zeigt. Jedenfalls erhielt ich auf meine freundliche Anfrage nach einem Leihexemplar für Testzwecke nicht mal eine Antwort. Wie man sieht, hat AGNO'S in meinem Fall mit dieser Haltung Erfolg, ich berichte trotzdem ;-)

Die kommerzielle Bestellabwicklung erfolgt in Italien und funktioniert trotz der chaotischen Gestaltung des Hersteller-eigenen Online-Shops gut. Der Jumbo MBS Plus kostet aktuell 274,50 € plus 20 € für den UPS-Versand und benötigt eine Lieferzeit von 4-5 Tagen. 

Praxis-Test: Agno's Jumbo MBS Plus unpacked für Nikon Shift/Tilt PC-E Objektive, Foto: bonnescape

AGNO'S Jumbo MBS Plus - der erste Eindruck

Die Webseite des Herstellers gibt Aufschluss: Jumbo MBS steht für "Jumbo MultiBigShoot". Die Marketing-Strategen hätten sicher eine knackigere Bezeichnung finden können, aber immerhin verrät der Name, worum es geht: Die Anfertigung großer Bilddateien mittels Multishot-Verfahren. Ob sich das "JUMBO" im Namen auf die erreichbare Bildgröße bezieht oder "elefantöse" Stabilität assoziieren soll, ist mir nicht bekannt, aber sei's drum: Irgendwie passt beides. Schon beim Auspacken macht das Teil einen ordentlichen Eindruck und wirkt stabil und gut verarbeitet. Der Jumbo MBS Plus besteht aus einer kegelförmigen Basis mit großem 3/8"-Stativ-Gewinde (samt beigefügtem 1/4"-Adapter), einem Montagewinkel aus Stahl und einem aus massivem Aluminium sauber gefrästen Rahmen. Die drei Teile sind mittels Inbus-Schrauben fest miteinander verbunden. Der für die Aufnahme des Tilt/Shift-Objektivs vorgesehene Halterahmen ist an drei Seiten mit Wasserwaagen ausgestattet und verfügt über Feststellschrauben mit Kunststoffspitzen, um ein Verkratzen des eingesetzten Objektivs zu vermeiden. Grund zur Kritik geben zunächst nur die vier runden Gummiplättchen, die in den Rahmen eingeklebt sind, um als Auflage für das Tilt/Shift-Objektiv zu dienen. Die Plättchen sind zu groß für den Vorsprung, auf dem sie befestigt sind und nutzen somit schnell ab. Tatsächlich ist bei dem mir vorliegenden Exemplar bereits ein Plättchen abgebrochen.

Praxis-Test: Agno's Jumbo MBS Plus, Detailfoto Gummipuffer, Foto: bonnescape

Oben: Anstelle der zu großen und unglücklich platzierten Gummi-Plättchen hätte man sich eine haltbarere Objektiv-Auflage gewünscht, die besser zu dem ansonsten hochwertig verarbeiteten JUMBO MBS passt.

Der eingangs erwähnte Artikel der NIKON PRO feiert den Jumbo MBS Plus als Mittel, um eine NIKON DSLR in eine digitale Mittelformat-Kamera zu verwandeln und nennt dabei zahllose Anwendungsgebiete wie "Stillife, Architektur, unbewegliche Makro-Objekte und viele andere professionelle Bereiche". Vom Arbeitsprinzip her fixiert der Stativadapter den vorderen Teil des PC-E Nikkors auf dem Stativ, so dass sich beim Shift nicht das Objektiv, sondern die Kamera bewegt. Die kann dann, soweit der Bildkreis es hergibt, eine mehr oder weniger große Zahl von jeweils im Bildausschnitt versetzten Einzelbelichtungen ausführen. Die per Stitching-Software kombinierten Einzelbilder ergeben dann später das Gesamtbild mit entsprechend großem Bildwinkel und höherer Datei-Auflösung. Natürlich funktioniert das nur bei statischen Motiven, und ja, der Effekt ist tatsächlich Mittelformat-ähnlich. 

Praxis-Test: Agno's Jumbo MBS Plus mit DSLR Nikon D4 und Shift/Tilt PC-E 24 mm 1:3,5 D ED, Foto: bonnescape

Was also kann der JUMBO MULTIBIGSHOOT?

Auf jeden Fall kann er mehr, als sein Name vermuten lässt. Also mehr als nur "Big Shooten". Auch wenn das Hersteller-Marketing wohl den stärksten Kaufanreiz in der Werbe-Botschaft sieht, man könne mit diesem Zubehörteil größere Bilder bzw. mehr Megapixel aus seiner Kamera herausholen.

Zunächst wird sich aber der eine oder andere Besitzer eines PC-E Nikkors fragen: "Shift-to-Stitch" geht doch auch so, wozu brauche ich noch diesen Stativadapter? Die Frage ist berechtigt. Ich selbst baue schon seit Jahren immer mal wieder Architektur- und Landschaftsfotos aus geshifteten Bildserien zusammen, die ich mit dem PC-E NIKKOR 24 mm 1:3,5D ED oder dem PC-E Micro-NIKKOR 45 mm 1:2,8D ED aufgenommen habe. Ohne Jumbo, versteht sich. Ganz klassisch mit der Kamera auf dem Stativ. Siehe z.B. den Beitrag zum Sint Annatunnel oder den zum Westgate. Für die Passgenauigkeit beim Zusammenrechnen der Bilder hat es bei meinen Fotos bisher keine Rolle gespielt, dass sich die Frontlinse beim Shift um bis zu 10 mm verschiebt. Dafür sind die Dimensionen zu unterschiedlich und die Aufnahmeabstände zu groß. Das kann bei Motiven im Nah- oder Makrobereich allerdings anders sein. Shift/Tilt-Verschiebungen des Objektivs können dann dazu führen, dass sich von Einzelbild zu Einzelbild die Position der Vordergrund-Elemente zum Hintergrund leicht verändert. Diesen Effekt nennt man Parallaxe und er erschwert ein sauberes Zusammenrechnen der Teilbilder. Mit einem Jumbo MBS Plus dagegen bleibt die Position der Frontlinse unverändert und verschoben wird lediglich der Kamerasensor. Somit wird eine Parallaxe vermieden.

Test: Agno's Jumbo MBS Plus. Bedienung der Shift-Verstellung mit digitaler Spiegelreflexkamera Nikon D4 und Shift/Tilt PC-E 45 mm 1:2,8 D ED, Foto: bonnescape

Oben: Das Ding hat jemand gut ausgetüftelt. Sämtliche ausgefrästen Durchbrüche sind so platziert, dass man irgendwie immer an die Bedienungselemente der PC-E Objektive herankommt.

Das Prinzip des Jumbo MBS Plus hat indes noch einen weiteren Vorteil. Die PC-E Nikkore sind nämlich nicht verzeichnungsfrei. So neigt insbesondere das 24 mm Objektiv zu einer leicht tonnenförmigen Verzeichnung, die sich bei Architekturfotos durchaus bemerkbar machen kann. Besonders anfällig sind Motive mit gleichmäßig linearen Binnenformen, wie parallel zum Bildrand verlaufende Backstein- oder Kachelreihen, randnahe Linien usw. (wie beim Sint-Annatunnel Panorama). Bei der klassischen Vorgehensweise ohne Jumbo wird die objektiv-typische Verzeichnung auf jedes einzelne Teilbild projiziert. Da die Bilder später versetzt zusammengerechnet werden, muss jedes Einzelbild vor dem Stitchen behutsam auskorrigiert werden, damit in den überlappenden Bereichen keine Passungenauigkeiten auftreten oder die Verzeichnung an untypischer Stelle ins Gesamtbild gelangt. Eine Kombination von Verzeichnungen aus unterschiedlichen Teilbildern wäre am Ende nicht mehr effizient und nur mit erheblichem Qualitätsverlust zu korrigieren.

Wird das Objektiv dagegen von einem Jumbo MBS Plus festgehalten, beinhaltet jedes Einzelbild einen Teil der Objektiv-Verzeichnung entsprechend dem Bildkreisausschnitt, den es abbildet. Damit ist die Kombination der einzelnen Bilder problemlos, es entstehen keine Passungenauigkeiten und die Verzeichnung kann, falls nötig, später final beim Gesamtbild korrigiert werden.

Ganz nebenbei ersetzt der Jumbo MBS Plus auch noch einen L-Winkel. Da der Rahmen ausschließlich das Objektiv festhält, spielen die Gehäuseform der Kamera und die Art des Stativkopfes für die Kameraausrichtung keine Rolle. Durch Herausnehmen aus dem Rahmen des Adapters und erneutes, um 90° gedrehtes Einsetzen kann die Kamera jederzeit zwischen Hoch- und Querformat wechseln, ohne die Bildachse zu verlassen. Dass das in der Praxis häufig ein Vorteil ist, habe ich bereits in meinem Beitrag zum L-Winkel erläutert.

Über die Anwendungsweise, die seltsame Bedienungsanleitung und den Pfannkuchen an der Kachelwand

Im Test: Shift/Tilt Stativadapter Agno's Jumbo MBS Plus, Foto: bonnescape

Der Stativadapter wird vormontiert geliefert, kann generell aber auf unterschiedliche Weise zusammengebaut werden. Die vorhandenen, mit Gewinde ausgestatteten Schraublöcher lassen sowohl eine hochformatige, als auch eine querformatige Befestigung des Rahmens auf der Basis zu. Zudem wird die Basis versetzt unter dem Rahmen montiert und kann in Richtung Kamera oder in Richtung Motiv zeigen. Ich habe mich bei Verwendung des Adapters mit einer NIKON D4 für die erstgenannte Lösung entschieden, da der Schwerpunkt dann günstiger liegt. Dies entspricht auch dem Auslieferungszustand. Soll aber beispielsweise eine D750 mit dem 24 mm Shift/Tilt-Objektiv verwendet werden, kann die Basis auch um 180 Grad gedreht montiert werden, damit der Handgriff der Kamera beim Drehen ins Hochformat nicht mit ihr kollidiert. 

 

Theoretisch kann der Jumbo MBS Plus so verwendet werden, dass die Rahmenöffnung in Richtung Motiv zeigt. Das Shift/Tilt-Objektiv müsste dann von vorn mit dem Bajonett zuerst in den Rahmen eingesetzt und danach von hinten die Kamera montiert werden. Aus irgendeinem Grund zeigen die dunklen, detailarmen Abbildungen in der Bedienungsanleitung genau diesen Montageweg, was aber in der Praxis folgende Nachteile hat: Setzt man das Objektiv mit dem Bajonett voran in den Rahmen, geht das nur in einer Richtung, weil die spezielle Position der Shift/Tilt-Bedienknöpfe nichts anderes zulässt. Man verliert also die Möglichkeit des oben beschriebenen, schnellen Wechsels zwischen Hoch- und Querformat. Zum anderen krallen sich die Feststellschrauben des Jumbo dann an dem schmalen Grad hinter dem Tilt-Verstellweg fest und blockieren diesen. Man kann also auch nicht mehr "Tilten". Zusätzlich kommt man nicht mehr an den elektronischen Abblendknopf des Objektivs dran, weil dieser durch den Rahmen verdeckt wird und letztendlich wird der Raum zwischen Adapter und Kamera dadurch auch noch etwas enger.

Entweder ist AGNO's bei der Bedienungsanleitung ein Fehler unterlaufen oder man möchte mit dieser Montagevorschrift eventuellen Schadenersatz-Forderungen* vorbeugen. Denn ein Herausfallen des PC-E aus dem Adapterrahmen ist in derart montiertem Zustand immerhin nicht möglich, da dies durch die hinten angesetzte Kamera blockiert wird. Dennoch hat das Ganze eine seltsame Anmutung. Immerhin verspricht der Hersteller in der Leistungsbeschreibung ausdrücklich, dass man mit dem Stativadapter auch "tilten" kann, was aber, wie erläutert, nicht der Fall ist, wenn man der Bedienungsanleitung Folge leistet.

Derartige Schadenersatzforderungen übernehme ich nicht ersatzweise für den Hersteller. Daher keine Gewähr! Jeder Anwender muss für sich selbst entscheiden, ob er der Bedienungsanleitung folgen möchte oder nicht. 

Praxis-Test: Agno's Jumbo MBS Plus, Einsetzen der Nikon D4 mit Shift/Tilt PC-E 24 mm 1:3,5 D ED, Foto: bonnescape

Oben: Das Bild zeigt meine Vorgehensweise. Ich setze die Kamera mit dem PC-E von hinten in den Rahmen und fixiere das Objektiv mit den Feststellschrauben (Bild unten). Achtung: Vorgehensweise auf eigene Gefahr. Die dem Jumbo MBS Plus beiliegende Bedienungsanleitung zeigt einen anderen, in meinen Augen allerdings unsinnigen Montageweg.

Bedienungsweise im Test: Agno's Jumbo MBS Plus, Festschrauben der Nikon D4 mit Shift/Tilt PC-E 24 mm 1:2,5 D ED, Foto: bonnescape

Sorgfältige, konzentrierte Montage vorausgesetzt, verläuft das Handling mit dem Jumbo MBS Plus ohne größere Probleme. Die an drei Seiten angebrachten Wasserwaagen sind allerdings nur Kosmetik. Da es sich um Dosenlibellen handelt, ist immer nur die nach oben zeigende Wasserwaage aussagekräftig. Diese kann aber nur eingesehen werden, wenn man die Möglichkeit hat, senkrecht von oben darauf zu schauen, was bei Stativmontage sehr häufig nicht der Realität entspricht. Über Eck angebrachte Röhrenlibellen wären praxisgerechter und präziser gewesen. 

Der Stativadapter ist für die PC-E Tilt/Shift-Objektive 24 mm, 45 mm und 85 mm gedacht. Das neue PC-E Nikkor 19 mm 1:4,0 E ED passt aufgrund seiner andersartigen Bauform nicht. Mit dem kurz gebauten 24er ist die Anwendung etwas fummeliger als mit den beiden anderen. Einfach, weil zwischen Adapter und Kamera nicht so viel Platz bleibt. Die Limitierungen, die zum Beispiel die kleinen NIKON DSLR mit dem 24er PC-E haben - etwa dadurch, dass der Suchervorbau beim Drehen mit den Bedienknöpfen kollidiert usw. - treten natürlich auch mit dem Jumbo MBS Plus auf. Nur, dass die ganze Angelegenheit dann noch ein wenig enger wird.

Praxis-Test Agno's Jumbo MBS Plus: Platzproblem Suchergehäuse mit digitaler Spiegelreflexkamera Nikon D750 und Shift/Tilt PC-E 24 mm 1:3,5 D ED, Foto: bonnescape

Bild oben: Ein bekanntes Problem beim 24 mm PC-E. NIKON DSLR mit integriertem Blitz wie die D750 stoßen mit ihrem weit nach vorn ragenden Suchergehäuse gegen den Verstellknopf, wenn man sie nach links ins Hochformat drehen will. Bei D4 oder der D850 zum Beispiel ist das nicht der Fall.

Bild unten: Muss man also aus diesem Grund nach rechts ins Hochformat drehen, empfiehlt es sich, den Fuß des Stativadapters um 180 Grad gedreht zu montieren, auch wenn das einen ungünstigeren Schwerpunkt des Konstruktes zur Folge hat. Ansonsten funktioniert auch die Drehung nach rechts nicht, weil  der Kameragriff mit der Basis des Jumbo MBS Plus kollidiert. 

Praxis-Test Agno's Jumbo MBS Plus: Platzproblem Handgriff mit Nikon D750 und Shift/Tilt PC-E 24 mm 1:3,5 D ED, Foto: bonnescape
Praxis-Test Agno's Jumbo MBS Plus mit DSLR Nikon D4 und Shift/Tilt PC-E 45 mm 1:2,8 D ED, Foto: bonnescape

Oben: Bei Verwendung mit dem 45 mm PC-E bleibt zwischen Stativadapter und Kamera mehr Platz für die Bedienung der Verstellknöpfe des Objektivs.

Es zeigt sich allerdings auch ein neuralgischer Punkt, für den der Stativadapter zwar nichts kann, unter dem das ganze Konzept jedoch leidet: die fummelige und durchschleifende Shift-Fixierung der PC-E Objektive mit den viel zu kleinen Feststellschrauben. Wenn es unter herkömmlichen Aufnahmebedingungen nur um das Halten des Objektives geht, ist das Ding häufig schon zu schwachbrüstig für eine sichere Feststellung. Umso mehr wirkt sich die Schwerkraft nun aus, wenn hinten eine schwere Profikamera gehalten werden soll. Tatsächlich kann ich das Schräubchen bei meinen Objektiven festzimmern, so weit es die Fingerkuppen hergeben, das Eigengewicht lässt die Kamera immer wieder wie einen Pfannkuchen an der Kachelwand im Zeitlupentempo nach unten gleiten. MERKE: Wenn vertikaler Shift mit Jumbo MBS Plus, besser kein Schwermetall, sondern eine Leichtbau-NIKON wählen. Gleiches gilt im Übrigen für die Tilt-Fixierung beim Horizontal-Shift. Die ist zwar stärker gerastet, aber auch sie kann sich durch das Kameragewicht verselbständigen und so ganz nebenbei für rettungslos unscharfe Bilder sorgen.

Praxis-Test Agno's Jumbo MBS Plus mit DSLR Nikon D750 und Shift/Tilt PC-E 24 mm 1:3,5 D ED, Foto: bonnescape

Oben: Bekannter Schwachpunkt der Shift-Konstruktion bei den PC-E Nikkoren ist die Feststellmechanik. Bei Verwendung des Jumbo MBS Plus und Vertikal-Shift hängt die ganze Kamera an dieser Fixierung und folgt im Zeitlupentempo der Schwerkraft. Die schwere D4 schneller, die leichte D750 (Bild) etwas langsamer.

Wie bewährt sich der Jumbo MBS im praktischen Einsatz?

Der frontale Blickwinkel auf eine Glasfassade im Atrium des Kölner Westgate bietet ein gutes Testfeld. Das Zusammenspiel von senkrechten und waagerechten Konturen, die sich über den Boden nach vorn bis zum Kamerastativ fortsetzen, ist wohl so eine Art Höchststrafe für ein Objektiv, bei dem auch die Verzeichnungswerte auf dem Prüfstand stehen. Vier Bilder ein und desselben Motivs wurden mit der NIKON D850 und dem PC-E 24 mm 1:3,5 bzw. dem AF-S 14-24 mm 1:2,8 auf unterschiedliche Weise aufgenommen, um einen Vergleich zu ermöglichen. Generell war die Kamera etwas nach oben geneigt, da die Shift-Funktion des 24ers zur Erweiterung des Bildwinkels dienen sollte und somit nicht für den Perspektivausgleich zur Verfügung stand. Daher wurden die stürzenden Linien erst im Rahmen der Nachbearbeitung beseitigt.

NIKON D850, PC-E 24 mm 1: 3,5. Westgate Köln. Foto: Dr. Klaus Schörner. Architekt: HPP Hentrich-Petschnigg & Partner. Gebäudeeigentümer: MEAG

Oben: Westgate Köln. Komposition aus drei querformatigen Teilbildern.

Copyright 2018 by Dr. Klaus Schörner. Architekt: HPP Hentrich-Petschnigg & Partner. Gebäudeeigentümer: MEAG

Vorgehensweise 1:

Ohne JUMBO MBS , NIKON D850 mit PC-E 24 mm, 1: 3,5 bei Blende 11, Querformat. 

Das Gesamtbild besteht aus zwei Teilbelichtungen, Shift nach oben bis zum Anschlag und Shift in Normalstellung. Die Korrektur der geometrischen Verzeichnung erfolgte mit Photoshop, Wert +1,8. Um den Himmel nicht überstrahlt abzubilden, habe ich die Belichtung der Kameraautomatik überlassen. Weißabgleich dito. Das obere Teilbild wurde daher um knapp 2 Lichtwerte dunkler belichtet als das untere. Dennoch passt alles gut zusammen, da Photomerge die Tonwerte beim Stitching weich auslaufend aneinander angleicht. Bei der Kombination der Bilder entstand eine zerklüftete Kante (siehe Screenshot), an der beide Bilder passgenau aneinanderstossen. Ein Passerproblem gab es lediglich bei einigen, später wegretuschierten Sonnenflecken an der Wand links, da die Sonne zwischen den Fotos bereits etwas gewandert war. 

Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5. Westgate Köln. Foto: Dr. Klaus Schörner.
Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5. Westgate Köln. Foto: Dr. Klaus Schörner.

Oben: Kameraaufbau ohne JUMBO MBS Plus für zwei Teilbelichtungen mit Shift nach oben und in Nullstellung. 

Unten: Der Screenshot zeigt den Stitching-Prozess der beiden Teilbilder. Der untere Bildteil wurde ausgeblendet, um den Übergangsbereich zu verdeutlichen. 

Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5. Westgate Köln. Screenshot Stitching Zwischenschritt. Foto: bonnescape

Vorgehensweise 2:

Mit JUMBO MBS , NIKON D850 mit PC-E 24 mm, 1: 3,5 bei Blende 11, Querformat. 

Prozedere wie oben bei 1, jedoch ohne Korrektur der geometrischen Verzeichnung vor dem Stitching. Die Kontaktkante bei der Kombination der Bilder verläuft etwas glatter, was aber keine andersartigen Auswirkungen auf das Endresultat hat. Auch hier entstand das oben beschriebene Passerproblem bei den Sonnenflecken an der Wand links.

Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5 und JUMBO MBS Plus. Foto: bonnescape

Oben: Kameraaufbau mit JUMBO MBS Plus für zwei Teilbelichtungen mit Shift nach oben und in Nullstellung. 

Unten: Der Screenshot zeigt den Stitching-Prozess der beiden Teilbilder. Der obere Bildteil wurde ausgeblendet, um den Übergangsbereich zu verdeutlichen. 

Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5 mit JUMBO MBS Plus. Screenshot Stitching Zwischenschritt. Foto: bonnescape

Vorgehensweise 3:

Mit JUMBO MBS , NIKON D850 mit PC-E 24 mm, 1: 3,5 bei Blende 11, Hochformat. 

Das Gesamtbild besteht aus drei Teilbelichtungen, Shift nach links bis zum Anschlag, Shift in Normalstellung, Shift nach rechts bis zum Anschlag. Die Korrektur der geometrischen Verzeichnung erfolgte mit Photoshop, Wert +2. Da der Himmel Bestandteil jedes Teilbildes ist und auf diese Weise nicht separat belichtet werden konnte, habe ich einen 0.9er Grauverlaufsfilter eingesetzt, der den oberen Teil des Motivs etwas abschattete. Das Resultat ist eine sehr gute Passgenauigkeit, die Trennkante zwischen dem linken und dem rechten Bild verläuft sehr gerade, das mittlere Bild hat Photomerge nur in einem kleinen Streifen am unteren Bildrand genutzt. Kein Passerproblem gab es bei den Sonnenflecken an der Wand links, da hier kein Bildübergang verläuft. Nachteil: Während die Vertikalen passgenau ausgeglichen sind, verlaufen die Fliesenstreifen am Boden weniger verzeichnungsfrei als bei den querformatigen Bildreihen.

Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5 mit JUMBO MBS Plus und HAIDA Filterhalter und Verlaufsfilter. Ausrichtung im Hochformat. Foto: bonnescape
Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5 mit JUMBO MBS Plus. 3 Belichtungen im Hochformat. Foto: bonnescape

Oben: Kameraaufbau mit JUMBO MBS Plus für drei hochformatige Teilbelichtungen mit Shift nach links, nach rechts und in Nullstellung. 

Unten: Die beiden Screenshots zeigt den Stitching-Prozess der drei Teilbilder. Beim oberen wurde der rechte Bildteil ausgeblendet, um den Übergangsbereich zu verdeutlichen. 

Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5 mit JUMBO MBS Plus. Screenshot Stitching Zwischenschritt. Foto: bonnescape
Praxistest NIKON D850 mit PC-E 24 mm 1: 3,5 mit JUMBO MBS Plus. Screenshot Stitching Zwischenschritt. Foto: bonnescape

Vorgehensweise 4:

Zum Vergleich NIKON D850 mit AF-S 14-24 mm @ 14 mm, 1: 2,8 bei Blende 11, Querformat. 

Das Gesamtbild besteht aus einer Belichtung. Der größere Bildwinkel reicht deutlich weiter nach links und rechts, zeigt aber auch die typische Verzeichnung (Leuchtenköpfe) eines Superweitwinkels. Die Bildgröße nach Perspektivkorrektur beträgt 32,8 Megapixel gegenüber 65,3 Megapixel bei den gestitchten Bildern.

Praxistest NIKON D850 mit AF-S 14-24 mm @ 14 mm. Foto: bonnescape

Oben: Westgate Köln. Bildergebnis Single-Shot bei 14 mm.
Copyright 2018 by Dr. Klaus Schörner. Architekt: HPP Hentrich-Petschnigg & Partner. Gebäudeeigentümer: MEAG

Fazit: Lohnt sich die Anschaffung eines Jumbo MBS?

Was für so manches fotografische Zubehörteil gilt, bewahrheitet sich auch beim Jumbo MBS Plus. In der Landschafts- und Architekturfotografie kann der Stativadapter nichts, was sich nicht auch auf anderem Wege erreichen lässt. Die Parallaxe durch den Shift/Tilt-Verstellweg wirkt sich bei solchen Motiven zumeist nicht aus, das Verzeichnungsproblem lässt sich mit (automatisierter) Korrektur auch am Rechner lösen, für den komfortablen Wechsel zwischen Hoch- und Querformat gibt es die deutlich preiswerteren L-Winkel und zur präzisen Ausrichtung verwendet man besser andere Hilfsmittel als die Wasserwaagen des Jumbo.

Was beim praktischen Einsatz des Jumbo echt NERRRVT (!), ist der eigenständige, durch die Schwerkraft bedingte Down-Shift der Kamera, wenn der Verstellweg des Objektivs auf Vertikal gedreht ist. Im Grunde braucht man ein zweites Stativ oder einen Magic Arm, um die Kamera in Position zu halten. Was eigentlich eine Unzulänglichkeit der PC-E Objektive ist, stellt letztlich das gesamte Konzept des Jumbo in Frage. 

Und dann noch ..., wir wissen, wie es beim Shooting zugeht: Beim Positionswechsel baut man nicht jedes Mal die Kamera ab. Schneller geht es, das Stativ mit draufmontierter Kamera ein Stück weiter zu tragen. Das würde ich mit dem Jumbo MBS Plus nicht riskieren, auch wenn das PC-E Objektiv in statischer Position durchaus gut festgehalten wird. Aber es handelt sich nunmal lediglich um ein Festklemmen mittels Stellschrauben, kein wirkliches Festschrauben wie am Stativgewinde der Kamera.

Davon mal abgesehen, geht die Shift/Tilt-Einstellarbeit mit dem Jumbo durchaus effizient von der Hand, da lediglich die Sensorebene verschoben wird. Insbesondere beim "Tilten" spart man sich das Neuausrichten der Kamera, wie es nach dem Verschwenken des vorderen Objektivteils meist nötig ist. Und im Nahbereich spielt dann auch die Parallax-Vermeidung eine größere Rolle. Den Nutzen des Jumbo sehe ich daher vor allem im Studio bei Produkt- und Makro-Aufnahmen von statischen Motiven, wenn es um ein feines Ausrichten der Schärfe-Ebenen geht oder um die Herstellung präziser Shift-Vorlagen für ein Stitching ohne Passungenauigkeiten. Dabei zeigt sich AGNO's Jumbo MBS Plus trotz der beschriebenen Unzulänglichkeiten als eine durchaus hilfreiche Lösung zur Objektivbefestigung. Naturgemäß wird man dabei dann auch seltener ein 24 mm Weitwinkel-Objektiv einsetzen, sondern eher die Mikro-PC-E Objektive 45 mm und 85 mm, die durch den größeren Raum zwischen Stativadapter und Kamera einen Bedienungsvorteil haben. 

Copyright 2018 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de

Dank an H.E. Drescher für die Leihgabe des Jumbo MBS Plus


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Kommentare: 2
  • #1

    Udo Afalter (Donnerstag, 14 Juni 2018 22:35)

    Hallo Klaus,

    was es nicht alles gibt, noch nie was von diesem Teil gehört.

    Viele Grüße, Udo

  • #2

    Klaus (admin) (Freitag, 15 Juni 2018 11:05)

    Hallo Udo,
    ja, das Marketing des Herstellers war bislang sehr sparsam und unverständlicherweise auf den italienischen Markt beschränkt. Dabei hätte es doch Ziel sein müssen, möglichst viele PC-E Besitzer zu erreichen, wenn man schon so eine kleine Zielgruppe hat.
    LG, Klaus