Stürzende Linien vs. übertriebenes Shifting

Architekturfotografie: Technisch richtig und doch zu viel

Shift oder Entzerrung zur Vermeidung von stürzenden Linien in der Architekturfotografie. Aufnahme mit Canon G11. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

Die meisten Architekten haben es in den Abbildungen ihrer Objekte gern rechtwinklig, und für die Fotografen ist es relativ einfach, "stürzende Linien" im Bild durch Shiften oder per Nachbearbeitung so auszukorrigieren, dass sie parallel zur Bildkante verlaufen. Aber ist das eigentlich immer richtig? Oder stehen dem unsere Sehgewohnheiten entgegen, denen sich auch das fertige Foto unterwerfen muss?

Natürlich sehen wir alles in unserer Nähe relativ groß und weit Entferntes entsprechend kleiner. Daraus ergibt sich eine Perspektive, die beispielsweise bei einem von unten betrachteten hohen Gebäude eine Fassade so abbildet, dass sie sich nach oben zu verjüngen scheint. Wir denken nicht weiter über diesen Sachverhalt nach, sind aber geprägt durch diese Sehgewohnheit, obwohl wir selbstverständlich wissen, dass die sich verjüngenden "stürzenden" Kanten der Fassade mit großer Wahrscheinlichkeit parallel und senkrecht verlaufen. Entsprechend abgebildet werden sie bei der Aufnahme eines Fotos aber nur dann, wenn sie sich in einer Ebene befinden, die parallel zum Film oder zum Sensor in der Kamera verläuft. Dies kann mit einer Fachkamera oder einem Shift-Objektiv gewährleistet werden, indem die Kamera parallel zum Objekt ausgerichtet wird und in dieser Konstellation der Bildausschnitt verschoben wird. Hat man keine solche Ausrüstung zur Hand, kann das Bild auch später am Rechner durch Verzerren so manipuliert werden, dass ein ähnlicher Effekt entsteht.

 

Was beim Blick in die Entfernung unseren Sehgewohnheiten entspricht, wirkt seltsam, wenn es um Objekte in Augenhöhe geht. So wundert sich der Betrachter eines Kirchturmfotos nicht über die sich nach oben perspektivisch verjüngenden Linien, wohl aber über die schiefstehenden Säulen des Eingangsportals. Eine handwerklich sauber erstellte Architekturfotografie muss in ihrem Bemühen, das Gebäude realistisch wiederzugeben, diesen Umstand berücksichtigen.

 

Wir sind gewohnt, hohe Gebäude (um bei diesem Beispiel zu bleiben) in der oben beschriebenen Weise perspektivisch wahrzunehmen. Daher ist es nicht in jedem Fall sinnvoll, senkrechte Linien unter allen Umständen parallel abzubilden. Je höher das Gebäude und je stärker der Korrekturschritt, um die Parallelität im Bild zu erzwingen, desto größer die Gefahr, dass das Ergebnis unnatürlich wirkt. Ist alles im Foto perfekt parallel ausgerichtet, kann am Ende der Eindruck entstehen, dass das Gebäude oben scheinbar an Breite zunimmt.

Beim Shift ist Augenmaß statt Mathematik gefragt

Wenn nun also das generelle Parallelstellen senkrechter Linien zwar einfach ist, aber nicht die Lösung für alle Motive sein kann, wäre es prima, eine alternative Formel zu haben, die einen gewissen Grad von Prozessautomatisierung erlaubt. Menschliche Sehgewohnheiten lassen sich jedoch nicht mathematisch berechnen. Wahrscheinlich unterliegen sie auch noch einer gewissen individuellen Streuung. Das wäre eine Erklärung dafür, dass sich selbst unter Architekturfotografen bei der Beurteilung von Fotos immer wieder unterschiedliche Ansichten über die angemessene Bildperspektive ergeben. Wann und wie stark eine Korrektur angebracht ist, liegt also im Auge des Fotografen ... und das Auge des Betrachters wird am Ende darüber entscheiden, ob der Fotograf mit seiner Beurteilung Erfolg hatte. 

 

Ich selbst gehe nach folgender Regel vor: Bei Blickwinkeln, die einer geringen Kameraverschwenkung entsprechen, also z.B. bei nicht allzu hohen Gebäuden wie dem unten abgebildeten Bruchsteinturm aus dem Ardèche, strebe ich die parallele Abbildung senkrechter Kanten an. Bei steileren Blickwinkeln wie bei der griechischen Kirche von Oia korrigiere ich nur moderat, so dass sich für mich im Bild der Eindruck von Parallelität ergibt, dieser defacto aber noch nicht erreicht ist.

Architekturfotografie der Kirche von Oia auf Santorini. Aufnahme mit LEICA M9 und Biogon ZM 2/35 mm vor der Perspektivkorrektur mit Photoshop. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

 

 

Bild 1a, unkorrigiert

 

Ein Foto der griechisch-orthodoxen Kirche von Oia auf Santorini ohne Perspektivkorrektur. Die Kamera war leicht nach oben gerichtet, um den Kirchturm vollständig ins Bild zu bekommen. Die Aufnahme erfolgte mit einem 35mm-Objektiv.

 

Da wir gewohnt sind, Fotos von hohen Türmen in dieser Weise zu sehen, erscheint die Abbildung zunächst nicht unnatürlich. Den Architekturfotografen stört jedoch zumindest die schief stehende Säule unten links und die Tatsache, dass der Glockenturm nach hinten wegzukippen scheint.

Architekturfotografie der Kirche von Oia auf Santorini. Moderate Entzerrung zur Milderung der stürzenden Linien. Aufnahme mit LEICA M9 und Biogon ZM 2/35 mm. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

 

 

Bild 1b, moderat korrigiert

 

Das gleiche Foto nach der Korrektur mit Photoshop. Die Wiedergabe des Gebäudes wirkt auf mich nun realistisch. Die Kanten des Glockenturms vermitteln den Eindruck, parallel zu verlaufen. Tatsächlich tun sie es nicht, da ich die Korrektur nach Augenmaß, jedoch absichtlich nicht bis zur völligen Parallelität vorgenommen habe. Am besten sieht man das an der Portalsäule links unten, bei der ein Kompromiss gefunden werden musste.

Architekturfotografie. Die völlige Entzerrung der stürzenden Linien mit Photoshop erzeugt einen unnatürlichen Effekt. Aufnahme mit LEICA M9 und Biogon ZM 2/35 mm. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

 

 

Bild 1c, überkorrigiert

 

Bei dieser Variante wurde eine Korrektur bis zur Parallelstellung der vertikalen Linien vorgenommen. Tatsächlich sieht man das jedoch nur bei der Portalsäule unten links. Der Kirchturm vermittelt dagegen den Eindruck, dass er oben auseinandergeht und scheint proportional viel zu groß für den Rest des Gebäudes.

 

Das Erzwingen der Parallelität vertikaler Kanten im Foto scheint gerechtfertigt, weil wir ja wissen, dass sie parallel verlaufen, bewirkt aber tatsächlich eine Verfremdung des Objektes, weil sie unseren Sehgewohnheiten widerspricht.

Architekturfotografie der Kirche von Oia auf Santorini mit Hilfslinien. Die völlige Entzerrung der stürzenden Linien mit Photoshop erzeugt einen unnatürlichen Effekt. Aufnahme mit LEICA M9 und Biogon ZM 2/35 mm. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

 

 

Bild 1d, dto.

 

Die gleiche Variante wie zuvor noch einmal mit eingefügten Hilfslinien, um die parallele Ausrichtung zu dokumentieren. 

Architekturfotografie eines Wohnhauses im Ardeche. Unkorrigierte Perspektive. Canon G11. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

 

 

Bild 2a, unkorrigiert

 

Die unkorrigierte Original-Aufnahme eines turmähnlichen Wohnhauses im französischen Ardèche. Die Kamera war leicht nach oben gerichtet, so dass das Gebäude nach hinten zu kippen scheint.

Architekturfotografie eines Wohnhauses im Ardeche. Moderat entzerrte stürzende Linien. Canon G11. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

 

 

Bild 2b, moderat korrigiert

 

Gleiches Foto nach einer moderaten Korrektur der Perspektive (ca. 50%). Der Eindruck ist bereits deutlich realistischer.

Architekturfotografie eines Wohnhauses im Ardeche. Korrigierte Perspektive durch parallele Ausrichtung der senkrechten Gebäudekanten. Canon G11. Copyright 2012 by Klaus Schoerner

 

 

 

Bild 2c, komplett auskorrigiert

 

Gleiches Foto, nachdem die vertikalen Gebäudekanten im Bild parallel ausgerichtet wurden. Aufgrund seiner begrenzten Höhe erscheint das Gebäude nun "architektonisch" richtig. Der Eindruck ist vertretbar realistisch, aber auch hier geht's nicht ohne Kompromiss: Die rechts schräg an der Gebäudeecke angebrachte Laterne scheint durch ihre eigene Perspektive und die Untersicht nicht mehr so ganz zur Perspektive des Gebäudes zu passen.

Copyright 2017 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


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Kommentare: 4
  • #1

    Leicashooter (Sonntag, 17 September 2017 08:54)

    Guter post. Wird oft übertrieben. Dann lieber ganz ohne.
    Gruß

  • #2

    Maik (Sonntag, 17 September 2017 09:31)

    @leicashooter: Sehe ich nicht so. Wenns auf die Architektur ankommt, ist Perspektivkorrektur Pflicht. Wie weit mans treibt, ist Geschmacksache. Wie bei Farbe und Kontrast.

  • #3

    Andreas Fein (Mittwoch, 20 September 2017 10:31)

    Ich kann mich da Klaus Schörner nur anschließen. Für mich gibt es eine intuitive Regel: sobald ich beim Betrachten des Gebäudes, was ich fotografiere, meinen Kopf heben muss, dürfen die Linien (nach meiner Auffassung) nicht mehr parallel laufen. Dies natürlich in einem (subjektiv) vermittelten Maß. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass dies selbst von Reinhard Wolf einmal so definiert worden ist (was ich aber leider nicht quellenmäßig belegen kann). Aber es sähe doch komisch aus, wenn man von der Betrachtungsposition vor dem Kölner Dom steht und die Linien dann parallel laufen würden ;-)

  • #4

    Lena (Donnerstag, 19 Oktober 2017 23:36)

    Danke für die gute Erklärung :-)