Praxistest FUJIFILM GA645W Professional

Praxistest FUJIFILM GA645W Professional

Erfahrungen mit der FUJIFILM GA645W Professional Wide im Praxistest. Foto: bonnescape

Es gibt Kameraschätzchen, die kauft man sich irgendwann mal und möchte sie nie mehr abgeben, selbst dann, wenn man nur gelegentlich damit fotografiert. Grund ist, dass es einfach wunderschöne Geräte sind, die technisch faszinieren und vom Handling her Spaß machen. So eine Kamera ist für mich die FUJIFILM GA645W Professional, eine Sucherkamera für Weitwinkel-Fotos im analogen Mittelformat 4,5 x 6 cm.

Die Markteinführung der GA645W durch FUJIFILM war 1995. Ausgestattet mit Autofokus, LED-Anzeigen im Sucher, Belichtungsautomatik und Dateneinbelichtung, automatischer Korrektur der Parallaxe, motorischem Filmtransport und automatischer Positionierung des ersten Bildes war die GA645W zu ihrer Zeit ausgesprochen fortschrittlich. Und im Grunde ist sie es für eine analoge Mittelformatkamera noch immer. Zudem markiert sie in einer langen Reihe von Mittelformatkameras aus dem Hause Fuji den Meilenstein des ersten Modells mit automatischer Scharfstellung. Beworben wurde sie als leichte und transportable Mittelformatkamera für Profifotografen, speziell für den Bereich der Hochzeitsfotografie.

Wie das über dem Objektiv zu lesende Attribut "Wide" vermuten lässt, ist die GA645W eine Weitwinkelkamera. Sie hat ein fest verbautes 45 mm Weitwinkelobjektiv (äquivalent 28 mm Kleinbild). Daneben gibt es noch ein Schwestermodell, die GA645 Professional ohne "W" und ohne "Wide". Weitwinkelig ist die allerdings auch, mit einem 60 mm Objektiv (äquivalent 37 mm Kleinbild). Folgemodelle der beiden sind die Varianten mit dem "i" im Namen, die sich im wesentlichen durch einen zweiten Auslöser und eine automatische ISO-Ablesung des Film Bar Codes unterscheiden. 1998 brachte FUJIFILM dann auch noch die GA645 Zi Professional mit einem 55-90 mm Zoom Objektiv.

Fortschrittliche Ausstattung der GA645W

Objektiv

Die GA645W ist mit einem Fujinon Super-EBC 4,0 / 45 mm Weitwinkelobjektiv ausgestattet und hat einen diagonalen Bildwinkel von 75°. Die Optik verfügt über 7 Elemente in 5 Gruppen, ist mehrfach elektronenstrahlvergütet und lässt sich bis auf 70 cm naheinstellen. Einen geringeren Aufnahmeabstand erreicht man mit dem optionalen GA-Kit, das aus einer Nahlinse und einem Rahmen zur Ausschnittbestimmung besteht. Das funktioniert, ist aber umständlich und zeigt, dass das Bauprinzip der Sucherkamera nicht primär für Nahaufnahmen entwickelt wurde. Die Blendenöffnung des Objektivs lässt sich sowohl manuell als auch automatisch in halben Schritten bis Blende 22 schließen. Das Filtergewinde beträgt 52 mm. Ich setze ausschließlich Filter in Slim-Bauweise ein, um Vignettierung zu vermeiden. Generell ist die Eckenabdunklung des Objektivs bei offener Blende sehr gering und verschwindet mit dem Abblenden. Die Scharfzeichnung empfinde ich als hervorragend, Lichtreflexe sind kein Thema, chromatische Aberrationen auch nicht und die Verzeichnung ist selbst bei Architekturfotos kaum der Rede wert. Ein wirklich gutes Objektiv. 

Praxistest FUJIFILM GA645W Professional Wide, Reisefotografie, Architekturfoto Raffles Hotel, Singapore. Foto: bonnescape

Oben: Raffles Hotel, Singapore, GA645W, Fujicolor Reala, NIKON Super Coolscan 9000 ED

Autofokus

Der Autofokus ist für heutige Verhältnisse ein wenig langsam und nicht gerade geräuschlos, aber durchaus leistungsfähig, zumal für eine Mittelformatkamera. Die präzise Fokussierung braucht sich keinesfalls hinter den Kleinbild-Spiegelreflexsystemen aus den 1990er Jahren zu verstecken. Wie damals üblich, erfolgt die Scharfstellung aber immer auf die Bildmitte. Da man ja nicht immer nur die Bildmitte scharf haben will, hat die Kamera eine ergonomisch gut positionierte Taste zur Messwertspeicherung. Da das Objektiv keinen Scharfstellring hat, erfolgt auch die manuelle Fokussierung elektronisch über ein Rändelrad.

Verschluss

Der Kameraverschluss ist ein flüsterleise auslösender, elektronisch gesteuerter Zentralverschluss mit Geschwindigkeiten von 1/700 Sekunde bzw. 1/400 Sekunde bis zu 2 Sekunden. Die kürzeste Zeit ist nur per Zeitautomatik und mit Blenden von 11 bis 22 zu erreichen. Manuell kann man maximal die 1/400 Sekunde ansteuern. Außerdem gibt es noch einen sogenannten Bulb-Modus, der den Verschluss so lange offen hält, wie man den Auslöser drückt.

Belichtungsmessung und Sucher

Die ISO-Einstellung kann in Drittelstufen von 25 bis 1600 vorgewählt werden. Das Messen der Belichtung erfolgt mittenbetont TTF. Für eventuell aufgesetzte Filter muss man also eine manuelle Belichtungskorrektur vornehmen, damit es nicht zu Unterbelichtungen kommt. Der helle und klare Sucher ist hochformatig ausgerichtet und verfügt über einen Leuchtrahmen mit automatischer Parallax-Korrektur. Das heißt, dass sich Größe und Position des Rahmens je nach Aufnahmeabstand beim Scharfstellen verändern. Blende, Belichtungszeit und eingestellte Entfernung werden rot leuchtend am unteren Rand des Suchers angezeigt. 

Praxistest FUJIFILM GA645W Professional Wide, Reisefotografie, Architekturfoto Singapore, Pool auf dem Dach. Foto: bonnescape

Oben: Dach-Pool, Singapore, GA645W, Fujicolor Reala, NIKON Coolscan 9000 ED, 8594x6566 px

Unten: Crop aus der Bildmitte, entspr. einer Vergrößerung von 73x56 cm mit 300 ppi

Praxistest FUJIFILM GA645W Professional Wide, Reisefotografie, Architekturfoto Crop, Singapore. Foto: bonnescape

Blitz

Die Kamera hat einen eingebauten Blitz, der auf Tastendruck ausklappt. Mit Leitzahl 12 bei ISO 100 ist der Blitz nicht gerade eine Powermaschine, reicht aber aus, um einem Personenfoto bei grauem Wetter oder bei Gegenlicht etwas "künstliches Sonnenlicht" zu verschaffen. Für größere Blitzaufgaben gibt es den Fuji Strobe GA als Systemzubehör. Aufgrund des einfachen X-Kontakts lassen sich aber auch alle anderen Blitzgeräte, die ohne zusätzliche Steuerkontakte auskommen, verwenden.

Dateneinbelichtung

Auf Wunsch kann die Kamera am Filmrand außerhalb des Bildbereichs Informationen einbelichten. Man kann dazu diverse Daten auswählen, wie zum Beispiel Aufnahmedatum, Blende, Belichtungszeit und Fokusart (AF oder M). Bei einem Diafilm erscheinen diese Einbelichtungen später rot, bei einem Farbnegativfilm cyan und bei einem Schwarzweissfilm schwarz.

Gewicht, Größe und Stromversorgung

Mit UV-Filter, Objektivkappe und Batterie wiegt meine GA645W 854 g. Die Maße im ausgeschalteten Zustand sind 169 mm (B), 110 mm (H) und 67 mm (T). Als Stromquelle dienen zwei 3V-Lithium-Batterien des Typs CR123a. Ich verwende die GA645W nur gelegentlich und kann mich kaum erinnern, wann ich mal Batterien tauschen musste. Von meinem Gefühl her empfinde ich den Stromverbrauch beim Fotografieren ebenso wie die Selbstentladung im Ruhezustand als extrem gering.

Film und Zählwerk

Die GA645W ist für Rollfilme der Größen 120 und 220 geeignet. Auf einen 120er Rollfilm passen 15 Fotos im Format 56 mm x 41,5 mm. Neben dem Bildzählwerk im LCD verfügt die Kamera über ein Gesamtzählwerk. Zur Abfrage hält man  die + - Taste gedrückt und dreht das Einstellrad neben dem Sucher auf "ISO". Im LCD erscheint daraufhin die Gesamtzahl der Aufnahmen in 100er Schritten.

Handling der FUJIFILM GA645W

Test FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat, Frontansicht. Foto: bonnescape

Oben: Kamera im ausgeschalteten Zustand, das Objektiv ist auf Gehäuseniveau eingefahren. Einziges Einstellelement auf der Vorderseite der GA645W ist die MF-Taste rechts unterhalb des Objektivs. Im AF-Modus dient sie zur Speicherung einer Entfernungseinstellung, im MF-Modus hält man sie gedrückt, während man mit dem Einstellrad die gewünschte Entfernung auswählt. Das vertikale Fenster rechts beinhaltet den Autofokus-Sensor. Das kleine rote Lämpchen links neben dem Objektiv leuchtet beim Runterzählen des Timers für die Selbstauslösung.

Test FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat, Oberseite. Foto: bonnescape

Oben: Kamera  angeschaltet. Das Objektiv, hier mit der Kunststoffgegenlichtblende, ist ausgefahren. Die Oberseite der GA645W mit dem Hotshoe für Blitze mit X-Kontakt. Ein aufgesetztes Blitzgerät blockiert das Ausklappen des kameraeigenen Blitzes, so dass eine kombinierte Verwendung ausscheidet. Die Kamera hat keine zusätzliche Synchronbuchse. Falls das Blitzgerät seitlich der Kamera oder mit etwas Abstand eingesetzt werden soll, kann man sich mit einem Aufsteckwürfel mit seitlicher Synchronbuche behelfen oder man verwendet einen Funk- bzw. Infrarot-Fernauslöser. 

Das LCD-Feld ist klein, zeigt aber je nach Menü alle erforderlichen Informationen an: ISO, Verschlusszeit, Blende, Bildzählwerk, Filmtyp (120 oder 220), Scharfstellmodus (AF oder MF), Fokusentfernung, Blitzbereitschaft, Akkuladung sowie die Angaben zur Dateneinbelichtung. Das Einstellrad lässt sich bei normaler Kamerahaltung bequem mit dem Daumen bedienen. In Verbindung mit anderen, gleichzeitig gedrückten Knöpfen steuert es schlichtweg alles. Zwischen dem Einstellrad und dem silberfarbenen Auslöser befinden sich eine AF- und eine + - Taste, die mit einem erhabenen Rand gegen versehentliches Verstellen geschützt sind. Die erste Taste wählt zwischen Autofokus und manueller Scharfstellung, die zweite dient zusammen mit dem Einstellrad zur Belichtungskorrektur, oder bei ausgeschalteter Belichtungsautomatik zum Einstellen der Verschlusszeit. Beide Tasten empfinde ich als sehr klein und fummelig. Besonders dann, wenn man gleichzeitig auch noch das Einstellrad drehen muss.

Test FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat, Kamera-Rückseite. Foto: bonnescape

Oben: Auf der Rückseite der GA645W befindet sich links oben der Suchereinblick. Das Schutzglas mit dem Gummiring ist bei meiner Kamera nicht original. Da von FUJIFILM kein Originalzubehör zu bekommen war, habe ich es durch das Okularglas von der NIKON FM ersetzt, welches über das gleiche Gewinde verfügt. Ein Einstellrad dient zur Auswahl von ISO, Programmautomatik, Zeitautomatik und manuellem Betrieb. Die benachbarte Taste dient zum Einschalten und Einstellen der Dateneinbelichtung am Rand des Filmstreifens. Die mittlere Taste schaltet den Selbstauslöser ein, mit einer Ablaufzeit von ... Sekunden. Die rechte Taste klappt den Blitz auf und schaltet ihn ein. In der Mitte der Rückwand ist ein Halter integriert, in den man den Deckel der Filmschachtel hineinschieben kann, um sehen zu können, welcher Filmtyp sich in der Kamera befindet. 

Test FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat, Unterseite. Foto: bonnescape

Oben: GA645W mit dem Original-Objektivdeckel, der eine aufgesetzte Gegenlichtblende voraussetzt. An der Unterseite der Kamera befindet sich außer dem Stativgewinde das Batteriefach, das mit einer Münze geöffnet werden kann, und ein kleiner, versenkter Knopf für das vorzeitige Aufspulen des Films.

Test FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat, rechte Seite. Foto: bonnescape

Oben: Mit ihrem großen, gummierten Formgriff liegt die GA645W stabil und komfortabel in der Hand. An der rechten Gehäuseseite oben ist eine Buchse für das Einschrauben eines Drahtauslösers angebracht. Der hellgraue herausklappbare Hebel öffnet die Kamerarückwand.

Test FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat, Blick ins Innere. Foto: bonnescape

Oben: Blick ins Innere der GA645W. Die kleinen roten Knöpfe entriegeln die Filmspulen. Der Film verläuft von links nach rechts. Beim Einlegen und Einfädeln kann man den Film mit dem Einstellrad stückchenweise motorisch spulen, bis er sicher in der Zielspule gehalten wird. Danach wird die Rückwand geschlossen und beim ersten Anschalten transportiert die Kamera den Film automatisch bis zum ersten Bild. An der Rückwand-Innenseite kann die Filmandruckplatte auf Rollfilme des Typs 120 oder 220 eingestellt werden. Der jeweils gewählte Filmtyp wird nach dem Schließen der Kamerarückwand im LCD angezeigt.

Reisefotografie von 2011, javanisches Bauernhaus mit Enten, FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat. Foto: Dr. Klaus Schörner

Oben: Bauernhaus, Java, GA645W, Fujicolor Reala, NIKON Super Coolscan 9000 ED

Unten: Crop aus der Bildmitte, die Größe entspricht einem 56x73 cm großen Print mit 300 ppi

Reisefotografie von 2011, javanisches Bauernhaus mit Enten, Crop, FUJIFILM GA645W Professional Wide, analoges Mittelformat. Foto: Dr. Klaus Schörner
Reisefotografie von 2011, Bauernhaus Java, FUJIFILM GA645W Professional Wide. Foto: Dr. Klaus Schörner

Oben: Bauernhaus, Java, GA645W, Fujicolor Reala, NIKON Super Coolscan 9000 ED

Fotografieren mit der FUJIFILM GA645W

Dank ihrer Größe, ihres gut austarierten Gewichtes und dank des großen, ausgeformten Handgriffs liegt die Kamera sehr gut in der Hand und bietet jederzeit sicheren Grip. Selbst bei längeren Shootings geht das ziemlich ermüdungsfrei. Vorne hat der Handgriff eine Gummierung, so dass man auch mit verschwitzten Händen nicht abgleitet. Nach mehreren Reisen unter tropischen Bedingungen ist die Gummifläche an meiner Kamera zwar ausgeblichen, aber noch immer intakt. Ergonomisch ist die GA645W ohne Zweifel gelungen, wenn ich mal absehe von der winzigen + - Taste.

Die Befestigungspunkte für den Trageriemen sind linksseitig angebracht, was ich als ungewöhnlich empfinde. Die Kamera hängt also vertikal mit nach unten weisendem Handgriff. Daher wird man sie wahrscheinlich um den Hals gehängt tragen oder über der linken Schulter. Man kann sie dann greifen und zum Auge führen, ohne dass der Riemen vor den Sucher gerät. Ich hätte mir die Ösen oben oder an der rechten Seite gewünscht, dann hätte man zur Unterstützung des Handgriffs einen Riemen oder eine Handschlaufe anbringen können.

Die Kamera lässt sich auch mit Stativ gut einsetzen. Für querformatige Aufnahmen schwenkt man sie mit dem Stativkopf am besten nach links. Dann hängt der Riemen nach unten und Auslöser und Drahtauslöseranschluss weisen gut erreichbar nach oben. Bekanntermaßen bin ich ein Freund der Drahtauslöser und froh, dass die GA645W einen Anschluss dafür hat. Es muss nicht immer alles elektronisch sein. Auch nicht bei einer Kamera, bei der sonst alles elektronisch funktioniert. Im praktischen Einsatz sind mir mitunter die unkomplizierten, bewährten mechanischen Lösungen lieber. Alternativ kann man zur verwacklungsarmen Belichtung bei statischen Motiven natürlich auch die Selbstauslösung der Kamera nutzen. Der Zentralverschluss selbst arbeitet fast geräuschlos und völlig erschütterungsfrei. Bei der Feineinstellung des Bildausschnitts auf dem Stativ nervt mich manchmal, dass die Bildrahmenposition nur bei halb gedrücktem Auslöser aktiv ist und sich nach Loslassen wieder in den Ausgangszustand bewegt. Zumal dann, wenn die Bildschärfe woanders liegen soll als in der Bildmitte. Man nimmt sich dann besser etwas Zeit und schaltet auf Manualfokussierung um. 

Reisefotografie von 2011, Wasserfall bei Munduk, Nord-Bali, FUJIFILM GA645W Professional Wide, Mittelformatkamera. Foto: Dr. Klaus Schörner

Oben: Wasserfall bei Munduk, Bali, GA645W, Fujicolor Reala, NIKON Super Coolscan 9000 ED.
Die Bildauflösung der Originaldatei entspricht knapp 57 Megapixeln.

Reisefotografie von 2011, Wasserfall bei Munduk, Nord-Bali, Vergleich NIKON D200 und FUJIFILM GA645W Professional Wide, Mittelformatkamera vs. Digitalkamera. Foto: Dr. Klaus Schörner

Oben: Das gleiche Motiv, links mit der NIKON D200, rechts mit der GA645W.
Bildproportionen, räumliche Wirkung und Schärfentiefe sind unterschiedlich.

Unten: 100%-Crop, das deutlich detailreichere Foto aus der GA645W (rechts) 
wurde zum Vergleich auf die Bildgröße der D200 (links) runtergerechnet.

Reisefotografie von 2011, Wasserfall bei Munduk, Nord-Bali, Vergleich NIKON D200 und FUJIFILM GA645W Professional Wide, Mittelformatkamera vs. Digitalkamera. Foto: Dr. Klaus Schörner

Besonders beim Blick ins Innere der GA645W ist es eine Freude zu sehen, wie wertig die Kamera verarbeitet ist und wie sauber und präzise das alles funktioniert. Das Objektiv ist ein optischer Leckerbissen: Sehr scharf und kontrastreich, auch bei voller Öffnung. Die Belichtungsmessung arbeitet exakt, die Fokussierung auch. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal fehlbelichtete Aufnahmen gehabt zu haben. Unscharfe Bilder allerdings schon. Die Schärfentiefe ist bei dem größeren Aufnahmeformat deutlich geringer als bei Kleinbild und digitalem Vollformat. Man muss sich beim Fotografieren bewusst machen, dass die Kamera auf die Bildmitte fokussiert und der Sucher keine visuelle Kontrolle der Bildschärfe liefert. Das kann dann bei Motiven mit einer gewissen räumlichen Tiefe dazu führen, dass Bildelemente außerhalb der Bildmitte ungewollt unscharf werden.

Kokosnuss-Schalen, FUJIFILM GA645W Professional Wide, Mittelformatkamera. Foto: Dr. Klaus Schörner

Oben: Kokosnuss-Schalen, GA645W bei Offenblende, Fujicolor Reala, NIKON Super Coolscan 9000 ED.
Ein Ausschussfoto, auch wenn man es hier in der verkleinerten Abbildung gar nicht so sieht.
Scharf ist nur die Bildmitte, die minimale Schärfentiefe ist für die Bildaussage aber sinnlos.

Was der Sucher bauartbedingt auch nicht liefert, sind der Blick und die Messung durch das Objektiv. Das hat zur Folge, dass man bei der Verwendung lichtschluckender Filter einen entsprechenden Korrekturwert eingeben muss. Was grundsätzlich kein Problem darstellt, kann bei Filtern mit veränderlicher Dichte kompliziert werden, wie zum Beispiel mit Polarisations- oder Verlauffiltern. Den Einsatz derartiger Filter mit einer Sucherkamera muss man aber generell hinterfragen, da man die Wirkung auf das Bild ja nicht kontrollieren kann. Ähnliches gilt auch für die Verwendung von Filterhaltern mit der GA645W. Manche Halter ragen über das Objektiv hinaus und können dabei den AF-Sensor neben dem Objektiv abdecken, so dass die Kamera nicht richtig fokussieren kann. Man kann das machen, schaltet aber dann besser auf manuelle Scharfstellung um.

Erfahrungsbericht FUJIFILM GA645W Professional Wide, Mittelformatkamera . Foto: bonnescape

Oben: Die GA645W im betriebsbereiten Zustand mit der System-Gegenlichtblende und dem ausgeklappten Blitz.

Das Fotografieren mit der GA645W macht großen Spaß und insbesondere auf Reisen empfinde ich es als Bereicherung, neben einer mehr oder weniger umfangreichen digitalen Ausrüstung für ausgewählte Motive eine kompakte analoge Mittelformatkamera dabei zu haben. Es fällt mir dabei schwer, wie bei anderen analogen Kameras von "entschleunigtem Arbeiten" zu sprechen. An der GA645W mit ihren Point&Shoot-Qualitäten ist nichts "entschleunigt". Außer der Tatsache, dass man nur 15 Bilder auf dem Film hat und daher besser bewusst fotografiert.

Fazit:

Die FUJIFILM GA645W ist eine qualitativ sehr hochwertige, analoge Sucherkamera für das sogenannte kleine Mittelformat, die sich dank ihrer Leichtbauweise und ihrer elektronischen Steuerungssysteme immer dann anbietet, wenn man schnell und unbelastet ohne viel Equipment fotografieren möchte. Als die Kamera Mitte der 1990er Jahre  auf den Markt kam, wurde sie vor allem für Straßen- und Hochzeitsfotografie empfohlen. Ich selbst setze sie seit vielen Jahren als gelegentliche Reisebegleiterin ein und habe damit nur gute Erfahrungen gemacht. Selbst im indonesischen Dschungel bei über 30 Grad Celsius und 100% Luftfeuchtigkeit hat die GA645W niemals irgendwelche Probleme bereitet. Diejenigen Fotografen, die gern mit analogen Kameras arbeiten und sich auf die Vor- und Nachteile des Bauprinzips Sucherkamera einlassen, finden in der GA645W eine sehr verlässliche Kamera, mit der man hervorragende Bildergebnisse und digitale Prints mit mehr als 1 m Kantenlänge in bester Tintenstrahlqualität erreichen kann. 

Copyright 2019 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    TomS (Samstag, 22 Juni 2019 22:11)

    Danke für den Tipp mit dem Okulargummiring :-)