Manfrotto XPRO 3-Wege-Neiger

Der Manfrotto XPRO 3-Wege-Neiger im Test

Frisch ausgepackter Manfrotto XPRO 3-Wege-Neiger. Foto: Klaus Schoerner

Normalerweise bevorzuge ich ja einen Kugelkopf auf meinem Kamerastativ. Kugelköpfe sind kompakt gebaut, lassen sich auf Reisen gleichermaßen auf einem Tripod wie auch einem Monopod verwenden und fixieren die Kamera mit nur einer Feststellschraube in theoretisch jeder beliebigen Position auf dem Fotostativ. Man sollte meinen, es gibt nichts Besseres und Vielseitigeres. Kommt es allerdings auf minimales Nachjustieren an, wie es zum Beispiel beim Fotografieren von Architektur oft erforderlich ist, erweist sich ein Kugelkopf als unpraktisch, da sich beim Lösen der Feststellschraube sehr leicht auch die Dimensionen verstellen, die bereits gut eingestellt waren. 

Ein 3-Wege-Neiger oder ein Getriebeneiger bietet hier den Vorteil einer getrennten Einrichtung von Kipp-, Schwenk- und Drehwegen, so dass der Fotograf die Einstellungen der Reihe nach vornehmen kann, ohne ungewollt die jeweils anderen wieder zu verändern.

Erster Eindruck beim Auspacken des XPRO 3-W

Bei meiner Suche nach einem 3-Wege-Neiger, der die geschilderten Vorteile für die Architekturfotografie mit einer möglichst kompakten Bauform und dennoch hoher Stabilität verbindet, bin ich auf den knapp über 100 € teuren XPRO 3 WAY HEAD aus dem Hause MANFROTTO gestossen. Gestern bekam ich das bestellte Exemplar geliefert. Schon beim Auspacken beeindruckt mich die Wertigkeit, die der 1 kg schwere Stativkopf vermittelt. Ein massives Gehäuse aus Aluminium-Druckguss, gummierte Griffe mit ergonomischer Formgebung, deren Drehung die Gelenke sauber fixeren, ausserdem präzise justierte Wasserwaagen für alle drei Dimensionen sowie ein gefederter Schnappverschluss der Kameramontageplatte, die sich durch eine oberseitige Gummierung und durch eine Kameraschraube mit ausklappbarem Griff ohne Werkzeug, Münze oder Ähnliches an der Kamera befestigen lässt: Alles wirkt extrem stabil, funktionell und zuverlässig. Lediglich bei den silberfarbigen Einstellrädern für die Friktion bin ich mir nicht ganz sicher hinsichtlich ihrer Langzeitstabilität. Mit ihnen kann man stufenweise den Reibungsgrad, bzw. die Eigenhemmung der beiden Gelenke einstellen, die für die Neigung parallel zum Kamerasensor und die Neigung in Aufnahmerichtung zuständig sind. Die durchaus formschön gestalteten Einstellräder sind sauber gerastet und beim Drehen ertönt ein Vertrauen erweckendes Klicken, das den nächsten Einstellgrad ankündigt. Allerdings sind sie aus Kunststoff in Form einer Kappe gefertigt und es verheisst möglicherweise nichts Gutes, dass der schmale Abstand zum Gehäuse ungleichmäßig verläuft. Vermutlich sind im Innern der Kappen gespannte Federn angebracht und ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn man die Einstellräder versehentlich zu weit herausschraubt. Wovor im Übrigen auch in der Bedienungsanleitung ausdrücklich gewarnt wird. Aber ich will dem XPRO nicht vorschnell Unrecht antun und werde zu gegebener Zeit von meinen Langzeiterfahrungen berichten. Die Grundplatte, die an das Stativ anschliesst, ist an der Unterseite mit einer propellerartigen Rastung versehen. Hauseigene MANFROTTO-Fotostative verfügen über Sicherungsschrauben, die in diese Rastung hineingedreht werden können und ein ungewolltes Lösen der Verschraubung zwischen Stativ und Stativkopf verhindern.

 

Die geforderte kompakte Form des Stativkopfs beruht im Wesentlichen auf den selbst in ausgefahrenem Zustand noch vergleichsweise kurzen Teleskop-Verstellgriffen. Ich möchte überprüfen, ob der dadurch entsprechend kurze Hebelweg der Griffe zu Lasten der Präzision bei der Einstellung minimaler Verstellwege geht. Für den Transport kann die Länge beider Teleskopgriffe durch einfaches Hineinschieben noch um etwas mehr als 3 cm verkürzt werden.

Unterseite Manfrotto XPRO 3-Wege-Neiger. Foto: Klaus Schoerner

Oben: Umgekehrte Ansicht des 3-Wege-Neigers mit dem gerasterten Montageteller für den Anschuss an das Stativ.

Der XPRO 3-W im Einsatz mit einer Profi-DSLR

Der Manfrotto XPRO 3-Wege-Neiger kann laut technischen Daten mit maximal 8 kg belastet werden. Insofern lässt eine NIKON D4 (Gehäusegewicht 1,35 kg), die ich mit dem Stativkopf verwenden möchte, einige Belastungsreserven. Um es dem XPRO 3-W aber nicht allzu einfach zu machen, setze ich statt einem Weitwinkel-Shift-Objektiv das lange AF-D 2,8/80-200 mm (Objektivgewicht 1,3 kg) an die Kamera, das durch eine Verlagerung des Schwerpunktes vom Zentrum weg noch besser testen lässt, ob irgendein Element der Kamerabefestigung unerwünschtes Spiel aufweist.

 

Auf dem schweren Kamerastativ MANFROTTO 161 wirkt der XPRO 3-Wege-Neiger zunächst einmal visuell unterdimensioniert, was seine Leistung jedoch nicht zwangsläufig schmälert. Als problematischer erweist sich die geringe Größe der Kameramontageplatte. Diese verschwindet völlig unter der Bodenplatte der D4, so dass sich das sichere Hineinsetzen der Kamera mit montierter Platte in die Plattenhalterung als unerwartet fummelig herausstellt. Zudem reicht es nicht, den Hebel für die Plattenverriegelung einfach zurückschnappen zu lassen. Man muss ihn tatsächlich noch ein wenig weiter hineindrücken, um eine echte Befestigung der Kamera zu erreichen. Es bleibt ein ungutes Gefühl, zumal ein zusätzlicher Sicherungsstift gegen Herausfallen, wie andere Systeme ihn häufig aufweisen, fehlt. Obwohl ich die Verbindungsschraube zur Kamera sehr kräftig angezogen habe (wenngleich auch ohne Zuhilfenahme einer Zange, was aber auch nicht Sinn der Sache sein kann), lässt sich die Kamera zudem auf der Montageplatte geringfügig drehen. Dieses Problem kenne ich bei grösser dimensionierten Platten mit entsprechend breiter verlaufender Kameraauflage nicht. Es zeigt sich in zweifacher Hinsicht, dass die Montageplatte der XPRO 3-W zu klein ist für eine große Kamera. Ich probiere das Gleiche mit einer LEICA M und einer NIKON D200 und stelle fest, dass sich beide aufgrund ihrer kompakteren Abmessungen wesentlich besser fixieren lassen als die D4.

 

Bei der Bedienung mit aufgesetzter Kamera zeigt sich ansonsten, dass die Länge der Einstellgriffe für eine präzise Einstellführung völlig ausreicht. Die Bedienung ist komfortabel, die Einstellarbeiten gehen zügig vonstatten und machen Spaß. Die Gelenkfixierung greift sicher zu, noch bevor man beim Drehen der Griffe nennenswert Kraft aufwenden muss. Ausgezeichnet! Gut finde ich auch, dass man alle drei Nivellierlibellen auf einen Blick sieht. Bei manch anderem Stativkopf sind die Wasserwaagen auf unterschiedlichen Seiten angebracht, was bei den Einstellarbeiten unpraktisch ist.

Ist der Manfrotto XPRO 3-Wege-Neiger ein geeigneter Stativkopf für eine schwere DSLR? Foto: Klaus Schoerner

Oben: Zwischen dem voluminösen Fotostativ MANFROTTO 161 und der Profi-DSLR wirkt der MANFROTTO XPRO 3-Wege-Neiger grazil, obwohl die ihm seitens des Herstellers zugeschriebene maximale Belastbarkeit von 8 kg mit der 2,6 kg schweren NIKON nicht annähernd erreicht wird.

Ist der Manfrotto XPRO 3-Wege-Neiger in der Seitenansicht mit DSLR. Foto: Klaus Schoerner
Nivellierlibellen des Manfrotto XPRO 3-Wege-Neigers. Foto: Klaus Schoerner

Oben: Mit einem Blick zu erfassen sind die drei exakt arbeitenden Wasserwaagen des MANFROTTO XPRO 3-Wege-Neigers, die ein präzises Ausrichten der Kamera komfortabel ermöglichen.

Montagebereich des Manfrotto XPRO 3-Wege-Neigers. Foto: Klaus Schoerner

Oben: Die Kamera überragt die Montageplattform des MANFROTTO XPRO 3-Wege-Neigers und macht das Einsetzen in die Führungsschiene zu einer fummeligen Angelegenheit. 

Unten: Die Montageplatte verschwindet unter der Kamera.

Montageplatte des Manfrotto XPRO 3-Wege-Neigers an einer NIKON D4. Foto: Klaus Schoerner

Unten: Bei der NIKON D200 (links) oder der LEICA M9 (rechts) tritt dieses Problem nicht auf, da die Kanten der Montageplatte sichtbar bleiben.

Montageplatte des Manfrotto XPRO 3-Wege-Neigers an der NIKON D200 und der LEICA M9. Foto: Klaus Schoerner

Fazit zum MANFROTTO XPRO 3-W

Der MANFROTTO XPRO 3-Wege-Neiger ist ein hochwertig verarbeiteter, funktionaler Stativkopf für das mittlere Budget, der dank seinem cleveren Design durch ein geringes Packmaß überzeugt. Die Bedienung mit Kameras mittlerer Größe ist schnell, sehr präzise und angenehm komfortabel. Inwieweit die Friktionsjustierung einer Langzeitbelastung standhält, wird man beobachten müssen. Neuralgischer Punkt des XPRO ist seine kleine Kameramontageplatte und deren Fixierung, die eine Verwendung auf kleine und mittelgroße Kameras beschränkt. Schade! Ansonsten wäre der XPRO auch sehr gut für DSLR der Profi-Liga verwendbar gewesen.

Werbung


Copyright 2017 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


Beiträge mit ähnlichen Themen:



Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Heiko Schulz (Sonntag, 11 Juni 2017 20:53)

    Den Artikel habe ich mir mit großem Interesse durchgelesen. Die Möglichkeit einer getrennten Einrichtung von Kipp-, Schwenk- und Drehwegen finde ich eine gute Idee und mit ein wenig Übung bekommt man das bestimmt auch sehr fließend hin.

    Danke für diesen Artikel.

    Grüße, Heiko.