Lieblingsbücher: Edward S. Curtis

Lieblingsbücher: Edward S. Curtis

Rezension: Edward S. Curtis, Hans Christian Adam, Taschen Verlag 1999, ISBN 3-8228-7183-4, www.bonnescape.de

Was ist der Grund dafür, dass die bis zu 120 Jahre alten Indianerfotos des Edward S. Curtis in vielen von uns auf eine gewisse Art und Weise Saiten zum Klingen bringen? Es ist Faszination, ein Hauch von Abenteuer, aber auch etwas Vertrautes, das uns beim Betrachten seiner Bilder bewegt. Vertraut vor allem deshalb, weil unser Wissen über die indigenen Völker Nordamerikas durch Filme, Bilder und Vorstellungen geprägt wurde, die sich bewusst oder unbewusst Curtis’ Fotos zum Vorbild nahmen ...

 

"Edward S. Curtis", von Hans Christian Adam

255 S., Hardcover ca. 27x33x3 cm, Taschen Verlag 1999, ISBN 3-8228-7183-4

Wer war Edward Sheriff Curtis?

Curtis war der Fotograf, der mit seinen akribisch zusammengetragenen, anthropologischen Aufzeichnungen, seinen umfangreichen Foto-Portfolios von Indianern in zeremoniellen Kostümen und seinen Tonaufzeichnungen von indianischen Gesängen die zeitgenössische Wahrnehmung von der allmählich schwindenden indianischen Kultur maßgeblich beeinflusst hat. Es gab auch andere Fotografen, wie zum Beispiel den Landschaftsfotografen William Henry Jackson, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts Bildmaterial von Indianern geliefert hatten, aber keiner erreichte die Informationsdichte, den ethnografischen Anspruch und die monumentale Breite der Arbeiten von Edward Sheriff Curtis.

Was motivierte den Fotografen zu seinem ehrgeizigen Lebenswerk, zu seinen gefahrvollen und strapaziösen Expeditionen über Tausende von Kilometern durch die zumeist unwirtlichen Gegenden, die in der Zeit um 1900 Aufenthaltsort der Indianerstämme waren? Der von Hans Christian Adam geschilderte Lebenslauf des Edward S. Curtis bietet genügend Inhalt und Dramatik für eine Verfilmung:

Geboren im Jahr 1868 auf einer Farm in Whitewater, Wisconsin, sammelte Curtis bereits während seiner Kindheit erste fotografische Erfahrungen mit einer selbstgebauten Kamera. 1887 siedelte seine Familie nach Seattle über. Nach dem Tod des Vaters musste Curtis als junger Mann mit allerlei Tätigkeiten den Lebensunterhalt der Familie bestreiten. Schließlich bot sich ihm die Möglichkeit, zunächst Teilhaber und später Inhaber eines Fotostudios zu werden. Porträtfotografie erfreute sich zu dieser Zeit großer Beliebtheit und dank seines fotografischen Talents avancierte Curtis in nur wenigen Jahren zum führenden Portraitfotografen von Seattle. Ab Mitte der 1890er Jahre begann er in seinem Studio auch Fotos zu verkaufen, die er bei Ausflügen zu den in der Umgebung ansässigen Indianerstämmen aufgenommen hatte.

1898 lernte Curtis den Ethnologen George Bird Grinnell kennen und begleitete als offizieller Fotograf eine Expedition nach Alaska. Inspiriert von den Techniken und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens nahm er 1900 an einer weiteren Expedition nach Montana teil und hatte dort Gelegenheit, eine Zeit lang bei Indianern zu leben und sie zu fotografieren. Fasziniert von den indianischen Riten fasste er den Entschluss, möglichst viel von den Indianerstämmen und ihrer Kultur fotografisch zu dokumentieren, bevor deren Traditionen in Vergessenheit gerieten. Da die US-Regierung zu dieser Zeit bestrebt war, die indigene Bevölkerung an die weiße Gesellschaft anzupassen, war diese Gefahr durchaus real. Indianische Kinder wurden damals in Internaten erzogen, ihre Stammessprachen unterdrückt und religiöse Zeremonien verboten.

Von nun an studierte, fotografierte und beschrieb Curtis fast dreißig Jahre lang mit großem Aufwand indianisches Leben. Für sein ehrgeiziges anthropologisches Projekt sammelten er und sein Team aus wechselnden Mitarbeitern große Mengen an Informationen, er belichtete mehr als 40000 Negative, fertigte Tonaufnahmen von indianischer Musik an, transkribierte diese in Noten und produzierte im Jahr 1914 sogar einen Spielfilm. Ab 1907 veröffentlichte Curtis unter dem Titel "The North-American Indian" sukzessive ein zwanzig Bände umfassendes Werk an Fotos und illustriertem Text. Trotz Unterstützung durch Präsident Theodore Roosevelt und den Industriellen J. P. Morgan litt das anspruchsvolle Langzeitprojekt ständig unter Geldnot. Zudem blieb Curtis die Anerkennung wissenschaftlicher Kreise versagt, die ihm, dem Autodidakten, unwissenschaftliches Arbeiten vorwarfen. Als sein letzter Band 1930 erschien, war Curtis durch die Kosten seines monumentalen Werks finanziell ruiniert. Der Lohn für die Mühe blieb aus. Waren Curtis' Fotos zu Beginn des Jahrhunderts noch auf großes öffentliches Interesse gestossen, so wurde dieses später durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise überlagert. Curtis’ zeitintensive Arbeit hatte zudem kaum Raum für seine Familie gelassen und seine Ehe war zerstört. Als Folge der Strapazen bei den Feldforschungen war auch seine Gesundheit angegriffen. Am 19. Oktober 1952 verstarb Edward Sheriff Curtis an einem Herzanfall. Seine Arbeit geriet danach fast in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahren wurden seine Fotos wiederentdeckt und seither sind diverse Publikationen über ihn erschienen.

Das Buch von Hans Christian Adam

Dazu zählt auch der vorliegende, 1999 vom Benedikt Taschen Verlag herausgegebene Bildband mit Texten von Hans Christian Adam und mehr als 200 Fotos aus dem Werk von Curtis. Dem Autor gelingt eine anschauliche und dennoch stets sachliche Schilderung der Vita des Fotografen. Ohne zu sehr in die Breite zu gehen, zeichnet Adam dort, wo nötig, ein durchaus detailliertes Bild der zeitgenössischen Bedingungen, die den Hintergrund für Curtis' Werdegang bildeten. Die sehr lesenswerten Ausführungen führen den Interessenten an den Menschen Curtis heran und bilden eine gute Grundlage zum Verständnis seiner Fotografien.

Der großformatige Band zeichnet sich durch eine ansprechende Duoton-Druckwiedergabe aus. Das warmweiße, haptisch ansprechende Naturpapier mit schwerer Grammatur korrespondiert stimmig mit dem Sepiaton der Bilder. Fast hat man beim Durchblättern den Eindruck von echten Barytabzügen. Die klassische Typografie ist sparsam gehalten und beschränkt sich auf Bilduntertitel und das Veröffentlichungsjahr. Sehr gut gefällt mir, dass sich der dreisprachige Fliesstext des Autors auf zusammenhängende, reine Textseiten beschränkt. Auf diese Weise bleibt das Buch vor allem ein fotografisches Portfolio. Die eindrucksvolle Wirkung der Bilder wird unterstützt durch die unaufgeregte Seitengestaltung, die die Fotoarbeiten wie Kunstwerke auf einem Passepartout präsentiert. Trotz Weißraum sind die Bilder dank des großen Buchformats in eindrucksvoller Größe wiedergegeben. 

Die Fotos von Edward Sheriff Curtis

Curtis' fotografisches Werk umfasst viele Einzelportraits sowie Aufnahmen von Tänzen, Zeremonien und situativen Szenen, bei denen seine Bilder häufig auch die landschaftliche Umgebung mit einbeziehen. Mit seinen Bildern erweckt der Fotograf den Eindruck, als gäbe es noch Indianer, die sich frei in ihrem angestammten Lebensraum bewegen und der Jagd, der Kriegsführung oder ihren traditionellen Zeremonien nachgehen. Tatsächlich kann man bezweifeln, dass das nach 1900 noch der Fall war. Die Indianer lebten überwiegend in Reservaten unter zumeist ärmlichen Lebensbedingungen und einem zunehmenden Einfluss der Moderne. 

Mit mehr oder weniger großer Einflussnahme versuchte Curtis ein dokumentarisches Abbild zu schaffen, das zu dieser Zeit bereits nicht mehr uneingeschränkt der Realität entsprach. In seinem Bemühen, die schwindenden Erscheinungsformen traditionellen indianischen Lebens fotografisch für die Nachwelt zu bewahren, beschränkte er sich nicht immer auf das Dokumentieren des Status Quo. Stattdessen versuchte er noch ein paar Jahre weiter zurückzugehen und Motive zu inszenieren, die es zum Zeitpunkt der Bilderstellung so nicht mehr gab. Da er bei seinen Informanten den Fokus nach eigener Aussage insbesondere auf alte Personen richtete, kann man annehmen, dass deren Erinnerung an frühere traditionelle Lebensweisen immerhin ein gewisses Maß an Authentizität in seine Darstellungen brachte. Daneben offenbaren seine Bilder jedoch auch eine Beeinflussung durch den Zeitgeist des beginnenden 20. Jahrhunderts, der sich in einer heroisierenden, idealisierenden und mitunter geradezu romantischen Sichtweise auf die von der Moderne vermeintlich noch unbeeinflussten Naturvölker ausdrückt. Stilistisch bewegte sich Curtis damit in einem Spannungsfeld zwischen Dokumentation, Ethnografie, Historie und Kunst, was für die Beurteilung seiner Arbeiten nicht unproblematisch ist.

In seinen Portraits präsentierte Curtis die Indianer als stolze und selbstbewusste Persönlichkeiten, die ohne jede Ängstlichkeit, ernst und mit festem Blick in die Kamera schauen. Es sind Bilder von wettergegerbten Gesichtern, die große Lebenserfahrung ausdrücken. Das eingangs gezeigte Titelfoto des Buchs stammt aus dem Jahre 1900 und zeigt den Blackfeet-Häuptling Weasel Tail. Es ist ein gutes Beispiel für den Aufnahmestil des Fotografen. Curtis platzierte seine Kamera nicht auf Kopfhöhe seines Models, sondern etwas tiefer. Dadurch entsteht eine leichte Untersicht, die den Häuptling größer und heroischer wirken lässt. Die Bildschärfe lenkt den Blick des Betrachters auf die Augen des Indianers, der Bildhintergrund verschwimmt in Unschärfe. Die sparsame seitliche Lichtführung ohne Aufheller auf der Schattenseite betont die Physiognomie und die Strukturen des Gesichts und verleiht dem Portrait zugleich Plastizität, so dass der Betrachter meint, der Häuptling komme aus dem Dunkel auf ihn zu. 

Einige von Curtis’ vermeintlichen Schnappschüssen sind im Aufbau und im Einsatz von Schärfe und romantisierender Unschärfe zu perfekt und schön komponiert. Sie legen allein dadurch den Verdacht nahe, dass die Motive gestellt sind. Letzteres dürfte auch eine Folge der zur Verfügung stehenden Kameratechnik gewesen sein. Die zu dieser Zeit noch sehr lichtschwachen Objektive und Aufnahmematerialien erforderten ein Stillhalten während der langen Belichtungszeiten, um unscharfe Bilder zu vermeiden. Zudem entlarven sich manche situativen Darstellungen, die zum Beispiel bestimmte Kriegstänze zeigen, als Inszenierung, wenn bekannt ist, dass es derartige Zeremonien zum Aufnahmezeitpunkt schon nicht mehr gab. Auch bei Bildern wie dem auf Seite 89, das drei Häuptlinge mit vollem Federschmuck vor imposanter Felsenkulisse reitend zeigt, kann angezweifelt werden, ob das so realistisch war, speziell zu einem derart späten Zeitpunkt. Die Aufnahme soll aus dem Jahr 1904 stammen. Immerhin waren es Fotos wie dieses, die Generationen von Western-Filmen und damit auch unsere Vorstellung von den Indianern beeinflusst haben.

Es sind aber auch Beispiele einer nachträglichen Einflussnahme durch Curtis dokumentiert. Um ein möglichst traditionelles Umfeld darzustellen, entfernte Curtis mitunter moderne Elemente aus seinen Bildern. So wird auf Seite 78/79 ein Foto von drei in einem Zelt sitzenden Männern mit der unretuschierten Version des gleichen Bildes konfrontiert. Es fällt ins Auge, dass eine in der Originalfassung abgebildete Uhr nachträglich entfernt wurde.

Man kann die Einflussnahme von Curtis bei der Erstellung seiner Bilder diskutieren und wird je nach künstlerischer, dokumentarischer oder anthropologischer Sicht zu unterschiedlichen Beurteilungen gelangen. Curtis' Arbeit war ohne Zweifel nicht rein journalistischer oder dokumentarischer Natur. Unbestritten jedoch ist der große Wert seines Werks, der trotz aller Einflussnahme über einen hohen Grad an Authentizität verfügt, weil Curtis mit dieser Breite seiner Arbeiten zeitlich und räumlich einfach näher dran war an der Realität als jeder andere Fotograf. Trotz seines idealisierenden Blicks sind seine Fotos daher heute noch eine wertvolle Quelle für das Studium der indianischen Kulturen.

Persönliches Fazit:

"Edward S. Curtis" von Hans Christian Adam zählt ganz ohne Zweifel zu meinen Lieblingsbüchern. Ich schätze die Bilder des Indianerfotografen und verspüre Respekt und Bewunderung dem Mann gegenüber, der solch ein Lebenswerk mit Enthusiasmus, Überzeugung und hohem persönlichen Einsatz geschaffen hat. Für mich ist Edward Sheriff Curtis einer der großen Abenteurer und zugleich tragischen Persönlichkeiten in der Geschichte der Fotografie. Mit dem vorliegenden Buch verschaffen Autor Hans Christian Adam und der Benedikt Taschen Verlag der Vita und den fotografischen Arbeiten von Curtis einen würdigen Rahmen. Vor allem deswegen, weil der großformatige Band nicht nur einen hohen Informationsgehalt zur Person Curtis bietet, sondern durch den zurückhaltend platzierten Text, die respektvolle Seitengestaltung und die überzeugende Druckqualität auf hochwertigem Papier nie einen Zweifel daran aufkommen lässt, dass es die Bilder des Fotografen sind, die die Hauptrolle spielen.

Das Buch ist nur noch in geringen Restmengen und antiquarisch erhältlich. Über die Arbeiten von Curtis sind allerdings viele weitere Bücher in unterschiedlichen Ausführungen erschienen, die zumeist die gleichen Bilder zeigen. Einige Beispiele finden sich in den Amazon-Anzeigen unten.

Text: Copyright 2018 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de

Die Abbildung des Buchtitels ist ein Zitat aus dem betreffenden Buch und ist urheberrechtlich geschützt.


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Kommentare: 2
  • #1

    Travelist (Samstag, 18 August 2018 21:41)

    cooler bericht, hätte mir nur ein paar mehr bilder gewünscht

  • #2

    Klaus (admin) (Sonntag, 19 August 2018 05:30)

    @Travelist: Vielen Dank!
    Ich hätte gern noch zwei oder drei Abbildungen von Inhaltsseiten gebracht, das ist jedoch urheberrechtlich problematisch. Bei dem Titelmotiv liegt die Sache etwas anders, weil die Abbildung der Identifizierung des Buches dient und ich zudem im Text auf das Titelbild genauer eingehe, so dass das Ganze den Charakter eines Zitates hat.