100 Jahre alte Fotos und die Hipstamatic App

"100 Jahre alte Fotos" und die Hipstamatic App

Alter Traktor. Hipstamatic-Aufnahme. Copyright 2019: Dr. Klaus Schörner

Wir werden überflutet mit hyperrealistischen Bildern, die uns groß, scharf und in Farbe vermeintlich hautnah miterleben lassen, was weltweit geschieht.

Natürlich wissen wir, dass die Welt auch vor einhundert Jahren schon bunt war. Aber wir sind eine Spezies, die in Bildern denkt, und so sind unsere visuellen Vorstellungen von der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem durch die fotografischen Dokumente geprägt, die wir aus dieser Zeit kennen. Und diese Bilder sind altersbedingt zumeist monochrom, fleckig und ausgeblichen. 

Man ist vielleicht fasziniert oder auch amüsiert durch das fremdartige Aussehen und die schon lange nicht mehr modische Kleidung der Abgebildeten. Aber ist man wirklich berührt von dem, was derartige Fotos zeigen, selbst dann, wenn es sich um vor langer Zeit verstorbene Angehörige oder um hochdramatische Begebenheiten handelt? Ich denke da zum Beispiel an Weegee's Fotos von Verbrechenstatorten, an Fotos von den Kriegsfronten oder an Bilder aus den Kolonien, die die Misshandlung von Angehörigen der indigenen Völker zeigen. 

Familienfoto 1927. Copyright: bonnescape.de

Links: Familienfoto aus dem Jahr 1927.

Waldrand. Hipstamatic-Foto. Copyright 2019: Dr. Klaus Schörner

Links: Waldrand. Ein Bild wie aus einer anderen Zeit. Fotografiert in den 1950er Jahren oder noch früher?

Waldrand. Orginalaufnahme, unbearbeitet. Foto: bonnescape

Links: Erst das unbearbeitete Original transportiert das Motiv in die Gegenwart und macht es real greifbar. Es wird in unseren Augen "normal". Aufgenommen mit dem iPhone SE vor ein paar Tagen im Kölner Grüngürtel mit der Lärmkulisse der A4 im Hintergrund.

Es ist, als wenn die fehlende Farbe und die Altersspuren diesen Fotos etwas Traumhaftes, Entrücktes verleihen. Das hat durchaus ästhetische Qualität, jedoch resultiert daraus auch eine Art Hürde, das Dargestellte als dokumentierte Realität wahrzunehmen. Obwohl unser Verstand uns sagt, dass es sich um eine solche handelt. Die Bilder erlangen durch die Verfremdung und den zeitlichen Abstand, der das Abgebildete durch altersbedingt ungewohnte Motive und eine heutzutage andersartige Bildsprache fremd erscheinen lässt, eine gewisse Eigenständigkeit, die ihre dokumentierende Funktion überlagert. Es ist wie beim Betrachten einer alten Kino-Wochenschau mit den ruckeligen Bewegungen der Protagonisten. Anders als bei heutigen Filmen gelingt es oft nicht, einen gefühlten Realitätsbezug herzustellen und die abgebildeten Personen nicht als Kunstfiguren, sondern als ehemals lebendige, atmende und fühlende Wesen zu begreifen. Wie war es, sich in ihrer Gegenwart zu befinden, zu hören, wie sie sprechen und zu sehen, wie sie sich bewegen?

Interieur. Hipstamatic-Aufnahme. Copyright 2019: Dr. Klaus Schörner

 Links: Ein Interieurfoto fast wie aus dem Wohnzimmer meiner Urgroßmutter irgendwann kurz nach 1900. Kann man sich den realen Raumeindruck vorstellen oder gewinnt das Bild durch die Verfremdung eine zu starke Eigenständigkeit?

Interieur. Orginalaufnahme, unbearbeitet. Foto: bonnescape

 Links: Tatsächlich ist das Foto noch keine zwei Wochen alt. 

In diesem Zusammenhang lohnt sich eine Beschäftigung mit der Hipstamatic-App, einer Software aus dem App Store, die man in der Version "Classic" für aktuell 3,49 € auf sein Smartphone oder Tablet herunterladen kann, um damit zu fotografieren. Die App hat eine Nutzeroberfläche, deren Gestaltung an eine Plastikkamera der 1970er Jahre erinnert. Je nach Einstellung versieht die Software ein aufgenommenes Bild in Sekunden mit einem Retro-Look und speichert es zusammen mit der unbearbeiteten Originalaufnahme ab. Bilder, die mit der Einstellung "John S + Uchitel 20 + Standard" aufgenommen werden, haben eine ähnliche Anmutung wie die aus Großmutters Fotoalbum. Die App führt dabei offenbar mehrere Bearbeitungsschritte durch, rechnet die Farbkanäle in Schwarzweiß um, steilt den Kontrast auf, rechnet gelbliche und fleckige Masken in das Bild ein, fügt partielle Unschärfen, Schlieren und eine papierfaserähnliche Struktur in den Lichtern hinzu und beschneidet das Bild durch einen angelaufenen, leicht vergilbten Rahmen. Als besonderes Gimmick tut sie das mit einem Zufälligkeitsfaktor, so dass aufgenommene Fotos zu Unikaten werden. 

Einfahrt zum Gutshof. Hipstamatic-Aufnahme. Copyright 2019: Dr. Klaus Schörner

Links: Dieses Bild von der Einfahrt zu einem Gutshof im Rheinland ist kein historisches Foto, sondern wurde erst kürzlich mit einem iPhone SE und der Hipstamatic-App aufgenommen. Beachtlich ist die stark kontrastierende Licht-/Schatten-Modulation vorn auf dem Boden, die das Originalbild gar nicht hergibt.

Einfahrt zum Gutshof. Orginalaufnahme, unbearbeitet. Foto: bonnescape

 Links: Originalfoto.

Natürlich kann man Alterungseffekte auch nachträglich in ein Foto einrechnen. Daran ist zunächst einmal nichts Besonderes. Abgesehen davon, dass die Hipstamatic App das ziemlich gut erledigt, ist jedoch vor allem die Unmittelbarkeit interessant: Noch im Angesicht des Motivs, das man gerade fotografiert hat, erhält man eine künstlich gealterte Abbildung desselben und kann beides miteinander vergleichen. Die direkte zeitliche und räumliche Nachbarschaft von Realität, Originalfoto und Retro-Variante beim Hipstamatic-Fotografieren verändert den Blick auf den realen Hintergrund historischer Bilder. Im Zuge der Beschäftigung mit dieser Art der Fotografie kann es zunehmend besser gelingen, beim Betrachten eines uralten Fotos ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die abgebildete Situation real ausgesehen haben mag, nämlich gar nicht so sehr anders als heute. Diese Sichtweise hilft den zeitlichen Abstand zu überbrücken und bringt dem Betrachter das, den oder die Abgebildeten näher. Umgekehrt erinnert es auch an die Vergänglichkeit unserer eigenen, jetzt gelebten Realität.

Vielleicht ist der verregnete Sonntag gut geeignet, mal die Fotoalben der Großeltern raus zu kramen und ein wenig in den Bildern von damals zu stöbern. Testet doch mal, wie gut es euch gelingt, uralte Fotos in einem realen Kontext zu fühlen. Vielleicht geht ihr sogar mit einer Lupe bewaffnet in den Bildern auf visuelle Entdeckungstour. In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß, interessante Erkenntnisse und ein schönes Wochenende!

Die Lichtung. Hipstamatic-Aufnahme. Copyright 2019: Dr. Klaus Schörner

Oben: Die Lichtung. Bild mit der Hipstamatic-App und dem iPhone SE.

 Hinter dem vermeintlichen Waldrand im Hintergrund verläuft die A4.

Copyright 2019 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


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Kommentare: 3
  • #1

    MB (Donnerstag, 31 Oktober 2019 09:24)

    Interessanter Gedanke. Und danke für den Tipp mit der App.
    Liebe Grüße
    Marius

  • #2

    MB (Donnerstag, 31 Oktober 2019 09:30)

    Noch ein Nachtrag: Ist die Eigenständigkeit durch Verfremdung nicht auch ein Merkmal von Kunst?
    In diesem Zusammenhang noch ein Lob für die schönen Fotos.
    Marius

  • #3

    Klaus (admin) (Freitag, 01 November 2019 16:30)

    Hallo Marius,
    danke für dein positives Feedback.
    Hier ging es mir mehr um die dokumentarische Aussagekraft von Fotografie, die über das hinausgehen kann, was ein Foto tatsächlich zeigt. Für mich hat das auch etwas mit Kunst zu tun, zumal auch dokumentarische Fotografie durchaus interpretiert und verfremdet, und sei es auch nur durch Bildausschnitt, Brennweite und Belichtung. Aber ja, wenn man zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie dennoch eine Grenze ziehen möchte, dann spielt der Grad der Interpretation durch eine wie auch immer geartete Entnaturalisierung oder Verfremdung im weitesten Sinne sicher eine wesentliche Rolle. Da bin ich deiner Meinung.
    LG, Klaus