ROLLEIFLEX, Streifzug durch die Geschichte

Vom genialen Werkzeug zum exklusiven Sammelobjekt

Bapak Reja und eine Frau sitzen vor ihrem Haus. Copyright 2009 by Klaus Schoerner

 

Die zweiäugige ROLLEIFLEX: Eine ganze Generation von Amateur- und Profi-Fotografen hat mit ihr gearbeitet und viele große Namen der Fotogeschichte sind mit ihr verbunden: Richard Avedon, Hans Hass, Fritz Henle, Diane Arbus, Cecil Beaton, Robert Doisneau, Robert Capa, Alfred Eisenstadt, Helmut Newton, Vivian Meier, Jean Loup Sieff, Imogen Cunningham, um nur Einige zu nennen.

Genial innovativ: Das Erfolgsmodell von 1928

Die erste zweiäugige ROLLEIFLEX entstand 1928 als Produkt der Kameraschmiede von Paul Franke und Reinhold Heidecke in Braunschweig. Der Verzicht auf schnell verschleißende Materialien wie beim Tuchverschluss und dem Balgen machte die Kamera für Einsätze unter extremen klimatischen Bedingungen tauglich. Franke & Heidecke setzten dazu auf einen Zentralverschluss und ein innovatives zahnradgeführtes Stangensystem zur Fokussierung mittels Bewegung der Objektivstandarte. Wie clever das war, zeigt ein Blick auf das Kameraangebot dieser Zeit: Fotografen hatten die Wahl zwischen Balgenkameras in vielfältiger Ausführung und Größe, mit denen beschichtete Glasplatten, Planfilme oder neuerdings auch Rollfilme belichtet werden konnten. Für den "Hausgebrauch" gab es einfache Boxkameras aus Pappe und/oder Metall, die nur begrenzte Einstellmöglichkeiten boten und zumeist mit einem Fixfokus-Objektiv ausgestattet waren. Mit der zweiäugigen ROLLEIFLEX erschien nun eine Kamera, die das Beste aus beiden Welten miteinander verband: Kompakt wie eine Boxkamera, aber in bester Fertigungs- und Materialqualität und ausgestattet mit zwei exzellenten Objektiven konnte man mit der Kamera präzise fokussieren und vielfältige Kombinationen aus Blende und Verschlusszeit einstellen. Um 1930 waren Fotografen düstere Mattscheiben, herausklappbare Rahmensucher oder die sogenannten Brillantsucher mit Linse und winzigem Spiegel gewohnt. Dagegen bot die ROLLEIFLEX einen veritablen Faltlichtschacht mit herausschwenkbarer Lupe, um das Mattscheibenbild vergrössert betrachten zu können, während das Gesicht des Fotografen gleichzeitig den Lichtschacht nach oben gegen Fremdlicht abschirmte. Trotz Umlenkung über einen Spiegel war das Sucherbild vergleichsweise hell, da es durch ein eigenes, mit dem Aufnahmeobjektiv gekoppeltes Sucherobjektiv generiert wurde und somit unabhängig von der eingestellten Arbeitsblende war. Zudem war es zwar seitenverkehrt, aber aufrecht stehend, was im Vergleich zu den Balgenkameras mit rückwärtiger Mattscheibenbetrachtung ein wesentlicher Vorteil war. Ach ja, und auf den Rahmensucher musste der Fotograf auch nicht verzichten, durch etwas anderes Zusammenfalten bot der Lichtschacht auch diese Option.

Alte Rolleiflex von 1932

ROLLEIFLEX Standard, Typ 622, gebaut in der Zeit von 1932-38.

Wachstumskurs, Zusammenbruch und Wiederaufbau

Die vom ersten Jahr an hohe Nachfrage nach dieser neuartigen Kamera führte zu einem steilen Wachstumskurs des Herstellers. Die Entscheidung, mit einer preisgünstigen Variante der zweiäugigen ROLLEIFLEX auch weniger solvente Käuferkreise anzusprechen, führte ab 1933 mit der ROLLEICORD zu weiteren Umsatzsteigerungen. Das in großer Auflage hergestellte Schwestermodell war mit tendentiell einfacheren Objektiven wie dem dreilinsigen Triotar ausgestattet, hatte für den Filmtransport einen Knopf statt einer Kurbel und zum Teil statt dem Bildzählwerk nur ein Fenster, um die Bildnummer wie bei einer Boxkamera auf dem Filmträgerpapier ablesen zu können.

Mit Beginn des zweiten Weltkriegs jedoch brachen der internationale Markt und der Unternehmenserfolg ein. FRANCKE & HEIDECKE musste nun kriegswichtige Güter produzieren. Eine technische Weiterentwicklung der Kameras fand nur noch verlangsamt statt. Zudem wurden gegen Kriegsende große Teile der Produktionsanlagen durch Bombenangriffe zerstört. Mit Unterstützung der alliierten Besatzungsmacht gelang jedoch in der Nachkriegszeit die Wiederaufnahme der Produktion.

Mittelformat gleich Rolleiflex  -  Die Blütezeit der 50er Jahre

In den 1950er Jahren waren die ROLLEIFLEX und ihre kleine Schwester ROLLEICORD bei Fotografen weltweit derart gefragt, dass die Absatzzahlen geradezu explodierten. Die Zweiäugige aus Braunschweig wurde zur Mittelformatkamera schlechthin und zum Symbol für Qualität "Made in Germany". Internationale Bilddokumente aus dieser Zeit, die den Einsatz von Fotografen zeigen, sind heute Dokumente für die Dominanz dieses Kameratyps in der Berufsfotografie. Fast jeder fotografierte damit. Im Jahr 1956 lief die millionste ROLLEIFLEX vom Band. Stetige Innovationen wie die Bestückung mit lichtstärkeren Aufnahmeobjektiven (2,8 und 3,5) von Zeiss (Tessar, Sonnar, Biometar, Opton, Planar, Distagon) oder Schneider (Xenar, Xenotar), eingebauten Belichtungsmessern und Versionen mit 135 mm Teleobjektiv (ab 1959) oder 55 mm Weitwinkel (ab 1961) festigten die Marktposition. Andere Hersteller aus Deutschland, Osteuropa, Japan und China versuchten mit mehr oder weniger anspruchsvollen ROLLEIFLEX-Plagiaten auf den Zug aufzuspringen. 

Rolleiflex 2,8 F

ROLLEIFLEX 2,8 F mit gekoppeltem Belichtungsmesser, gebaut in der Zeit von 1960-81

Der Weg vom Werkzeug zum Sammelobjekt

Nach 1960 gingen die Verkaufszahlen zurück, weil der Markt mittlerweile ziemlich gesättigt war und zunehmend nach Kleinbildkameras und einäugigen Mittelformatkameras verlangte. Die neuen Systemkameras waren vom Handling her komfortabler und schneller zu bedienen, hatten ein parallaxfreies Sucherbild und boten die Möglichkeit von Wechselobjektiven. Bei den einäugigen Spiegelreflexkameras war zudem durch Wechselkassetten ein schnellerer Filmwechsel gegeben. Bei FRANCKE & HEIDECKE hatte man sich zu lange auf das Konzept der zweiäugigen Kamera beschränkt. Die beiden genialen Unternehmensgründer waren inzwischen verstorben und auf den Siegeszug der schwedischen HASSELBLAD reagierte das Unternehmen erst 1966 mit der Markteinführung der SL66. Zu dieser Zeit hatte man die Produktion der ROLLEICORD schon eingestellt und die zweiäugige ROLLEIFLEX wurde nur noch in geringen Stückzahlen auf Bestellung gebaut. In der Folgezeit war die Unternehmensgeschichte geprägt durch wechselnde Besitz- und Mehrheitsverhältnisse, variierende Produktions- und Vermarktungsstrategien, mehrere Insolvenzen, Umfirmierungen und Firmenteilungen.

ROLLEIFLEX 2,8 GX mit TTL-Belichtungsmessung, gebaut in der Zeit von 1987-2002

In der Zeit von 1987 bis 2002 versuchte die damalige Rollei Fototechnik GmbH & Co KG neben der Produktion von hoch technisierten einäugigen Mittelformatkameras und Diaprojektoren mit einer modernisierten Neuauflage des zweiäugigen Klassikers an alte Traditionen anzuknüpfen. Die Neue erhielt den Namen 2,8 GX. Sie wurde mit einem hervorragenden 2,8er Planar Aufnahmeobjektiv bestückt und verfügt - geradezu eine technische Sensation - über eine zeitgemäße TTL-Belichtungs- und Blitzbelichtungsmessung mit gekoppelter LED-Nachführanzeige im Sucher. Der Filmtransport ist im Vergleich zu den Vorgängermodellen vereinfacht, vermutlich um die Kamera nicht zu teuer werden zu lassen. So fehlt der 2,8 GX die feinmechanische Abtastvorrichtung des Filmanfangs und der Fotograf muss beim Einlegen des Films eine Markierung auf dem Trägerpapier mit einer Marke auf dem Kameragehäuse zur Deckung bringen, bevor er die Kamerarückwand schließt.

Es folgten bis 2015 noch einige exklusive Sonderserien von Gold bis Kroko und die hochpreisigen Nachfolgemodelle 2,8 FX und 2,8 FX-N, die in geringen Auflagen herausgegeben wurden und vor allem für betuchte Sammler gedacht waren. Danach wurden keine zweiäugigen ROLLEIFLEX-Kameras mehr gebaut. Die DW Photo GmbH, eines der Nachfolgeunternehmen des Traditionsherstellers, ist heute Anbieter der einäugigen digitalen Spiegelreflexkamera HY6.

Copyright 2018 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


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Kommentare: 4
  • #1

    Andreas F (Freitag, 27 Juli 2018 10:07)

    wieder mal ein interessanter und fundiert recherchierter Artikel aus der Kamerageschichte!
    Sehr schöne Einblicke. Obwohl ich sagen muss, dass ich die aufgezählten fotografischen Meister(innen) teilweise eher mit anderen Kamerasystemen in Verbindung gebracht hätte. Man lernt halt nie aus und erfährt immer etwas Neues (wenn man diesen Blog liest ;-))!

  • #2

    Klaus (admin) (Freitag, 27 Juli 2018 11:27)

    Oh, danke für die Blumen :-)
    Freut mich, dass es gefällt.
    Ja, ich beschäftige mich derzeit etwas mit meinen Zweiäugigen und dachte, dann kann ich meine Erkenntnisse auch mal in Berichtform zusammenfassen. Da folgt in Kürze auch noch ein Beitrag über das praktische Arbeiten mit der Rolleiflex.
    Tatsächlich ist bei den genannten Fotogrößen durch Berichte, Bildarchive, Fotos und sogar Rolleiflex-Sondereditionen dokumentiert, dass sie zumindest zeitweise mit zweiäugigen Rolleiflexen gearbeitet haben.

  • #3

    Udo Afalter (Sonntag, 29 Juli 2018 18:55)

    Ja, die zweiäugigen von Rollei haben was, wobei mir die 2,8 GX Modelle haptisch nicht so gefallen. Ich habe meine GX vor Jahren gegen eine 2,8 F eingetauscht. Die 2,8 F ist für mich persönlich die schönste Rolleiflex die je gebaut wurde.

    Gerne ziehe ich nur mit meiner Rolleiflex 2,8 F und Voigtländer Vitomatic IIa in Braunschweig umher. Zumal man mit diesen kleinen Braunschweigerinnen quasi keinerlei Fotografieverbot in Braunschweig hat.

    Viele Grüße, Udo

  • #4

    Klaus (admin) (Montag, 30 Juli 2018 10:07)

    Hallo Udo,
    ja, das kann ich durchaus nachvollziehen, obwohl ich persönlich alle Generationen von Rolleiflexen (auch die ältesten) zu schätzen weiss. Ich finde es faszinierend, wie erfinderisch und zugleich genial einfach die Technik damals war, um damit Bilder von sehr guter Qualität anfertigen zu können. Zum Fotografieren bevorzuge ich aktuell die 2,8 GX wegen der exakten und flotten TTL-Messung und dem vergleichsweise hellen Mattscheibenbild.

    LG, Klaus