Praxisbericht WISTA 45 SP

Erfahrungsbericht: Fotografieren mit der WISTA 45 SP

Praxis-Test Grossformatkamera WISTA 45SP, der Panzer unter den 4x5 inch Laufbodenkameras. Foto: bonnescape.de

Als kompakte Ergänzung zu meiner etwas unhandlichen SINAR habe ich mir vor sechs Monaten eine Laufbodenkamera gegönnt. Eigentlich hätte es eine Kamera aus Holz und Carbon werden sollen, aber als ich zufällig über das Angebot der WISTA stolperte, konnte ich nicht widerstehen. Seither bin ich einige Male nach meinen Erfahrungen gefragt worden und so widme ich dieser Kamera hier gerne einen Praxisbericht.

Profi-Tool für 4x5" Planfilme

Die WISTA 45 gibt es seit Anfang der 1970er Jahre. Die Bauform ist, wie gesagt, die einer Laufbodenkamera, ergänzt mit vielen konzeptionellen Verbesserungen und Funktionsdetails, die bei den klassischen Vorbildern meist nicht zu finden sind und die WISTA als professionelles Arbeitsgerät kennzeichnen. Die Kamera ist stabil wie ein Panzer und augenscheinlich kompromisslos auf Qualität und Langlebigkeit gefertigt. Das merkt man auch am Gewicht. Nach 10 km Fotowanderung mit der WISTA im Rucksack sind mir schon mal Zweifel gekommen, ob ich nicht doch besser eine dieser leichten Holzkameras genommen hätte. Das Aufnahmeformat der WISTA ist 4x5 inch bzw. 9x12 cm, je nach eingelegter Planfilmkassette. Die Kamera zeigt einige Ähnlichkeiten zur LINHOF Technika, – was sicher nicht ganz zufällig ist –, wird auf dem deutschen Gebrauchtmarkt aber niedriger gehandelt. Ich habe mein Exemplar in sehr gutem Erhaltungszustand für etwas mehr als 800 € bekommen. Ohne Objektive und Objektivplatten, versteht sich. Ich musste lediglich den fehlenden Ledergriff ersetzen, was über den Onlinehandel in Fernost kein Problem darstellte. Von der WISTA 45 existieren drei Versionen. Neben der hier vorgestellten 45 SP gibt es das geringfügig einfachere Modell 45 VX und die mit einem Messsucher ausgestattete Variante 45 RF. Dazu ist vor allem im Herkunftsland Japan auch online eine Vielzahl von Zubehör erhältlich, mit dem die Kameras für den einen oder anderen Einsatzzweck individualisiert oder optimiert werden können.

Im Test: Grossformatkamera WISTA 45SP Technical Camera. Foto: bonnescape.de

Oben: Die WISTA 45 SP mit den vier Objektiven 75/90/150/210 mm. Das 150 mm Sironar N, das gerade auf der Kamera montiert ist, kann beim Zusammenklappen in der Kamera verbleiben. Die anderen Objektive sind dafür zu groß.

Komfortabler Formatwechsel mit drehbarem Rückteil

Die knapp 2,9 kg schwere 45 SP ist aus Aluminiumdruckguss gefertigt und besitzt ein internationales Graflok-Rückteil mit vergleichsweise heller Fresnellmattscheibe und Schutzklappe, die sich als Lichtschacht aufklappen lässt. Zugunsten eines einfachen Wechsels zwischen Hoch- und Querformat ist das Rückteil mit Rastung drehbar gelagert. Dieses Feature erhöht zwar das Kameragewicht, die Drehung lässt sich aber mit einer Hand ausführen, während die andere Hand das Kameragehäuse vor ungewollten Verstellungen schützt. Das ist mir lieber als die Mechanismen, bei denen man mit beiden Händen gleichzeitig etwas ein- oder aushaken muss.

Landschaftsfotografie mit der WISTA 45SP Großformatkamera. Foto: bonnescape.de

Oben: Landschaftsfotografie im Rheinland mit der WISTA 45 SP, Mai 2020. Aufmerksamen Beobachtern wird auffallen, dass das Firmenwappen am geschlossenen Schachtsucher auf dem Kopf steht. Das ist allerdings kein Zufall, denn damit öffnet sich die Metallklappe nach unten und hält den Schacht durch ihr Gewicht offen (Bild unten). Im umgekehrten Fall neigt der aus Textilleder bestehende Schacht dazu, sich unter dem Gewicht der Klappe zusammenzufalten.

Grossformatkamera WISTA 45SP im Einsatz bei Landschaftsaufnahmen. Foto: bonnescape.de

Welche Brennweiten unterstützt die WISTA?

Vorne an der Kamera befinden sich die mit dem Deckelboden verschraubten Führungsschienen für die Objektivstandarte, die dank der manuell herausziehbaren Verlängerung (und dank des langen Balgens) einen Gesamtauszug von ca. 30 cm erreicht. Mit meinem 210 mm Teleobjektiv kann ich damit noch bis auf 50 cm Naheinstellung fokussieren und auch mit einem 240 mm Objektiv sollte noch ein praxisgerechtes Arbeiten möglich sein. Der kürzeste Auszug beläuft sich auf etwa 5 cm. Dementsprechend ist noch mit einem 65 mm Weitwinkelobjektiv eine Fokussierung bis Unendlich machbar. Auf jegliche Verstellungen der Objektivstandarte muss man dabei allerdings verzichten. Die kürzeste Brennweite, die ich verwende, ist ein 75 mm Grandagon-N, das sich an der WISTA noch ganz gut einsetzen lässt – wenn auch mit geringem Verstellspielraum, den man auch durch Tausch des Standardbalgens gegen einen optional erhältlichen Weitwinkelbalgen nur wenig erweitern kann. Das begrenzende Element ist hier weniger der Balgen als das Kameragehäuse; – zumindest bei einer Fokussierung auf Unendlich, wenn das Objektiv teilweise in das Gehäuse hineinragt.

Die WISTA 45SP hat einen maximalen Auszug von ca. 30 cm. Foto: bonnescape.de

Oben: Mit der WISTA 45 SP ist ein Auszug von maximal 30 cm möglich, der für Brennweiten von 210 mm oder 240 mm noch völlig ausreicht. Mit dem hier montierten 210er ist eine Nahfokussierung bis ca. 50 cm möglich.

Praxisbericht zur WISTA 45SP. Welche Brennweiten sind mit der Laufbodenkamera möglich? Foto: bonnescape.de

Oben: Ein 75 mm Objektiv ragt – wenn es auf Unendlich fokussiert wird – teilweise in das Kameragehäuse hinein, so dass die Objektivstandarte nur noch begrenzt verstellbar ist. Für das nur noch geringfügig mögliche Shiften kommt man an den Friktionsknopf nur mit sehr spitzen Fingern heran.

Auf den Führungsschienen befinden sich zwei Gleiter, die mit Rändelschrauben an beliebiger Stelle fixiert werden können. Wenn man beim Aufbauen der Kamera die Objektivstandarte in die Ausgangsposition zieht, dienen die beiden als optionaler Anschlag. Ohne die Fokussierung bemüht zu haben, hat man damit schon mal die Unendlich-Einstellung. Da die Positionierung allerdings brennweitenabhängig ist, machen die Gleiter nur dann Sinn, wenn man selten Objektivwechsel vornimmt.

Ich verwende an der WISTA vier Objektive mit den Brennweiten 75 mm, 90 mm, 150 mm und 210 mm. Normal- und Teleobjektive machen an der WISTA mehr Spaß, da die Kamera das mit einem durchgängig hellen Mattscheibenbild unterstützt. Außerdem hat man dann mehr Verstellspielraum und die außerordentliche Stabilität der Kamera macht bei schweren Linsen und großen Auszügen keineswegs schlapp. Je weitwinkliger das Objektiv, desto mehr gelangt die Fresnellmattscheibe an ihre Grenzen. Durch die geringe Brennweite befindet sich die Rücklinse dann so nah an der Mattscheibe, dass das Licht in den Randbereichen im Vergleich zur Bildmitte einen deutlich längeren Weg zurücklegen muss und sehr schräg auftrifft, was sich in einer erheblichen Randabdunklung äußert. Ich habe eine Fresnelllinse auf der Mattscheibe befestigt, die diesen Effekt ein wenig mildert.

Verstellmöglichkeiten der WISTA 45 SP

Bei Objektiven mit mehr als 75 mm Brennweite bieten die Verstellmöglichkeiten der WISTA 45 SP mehr Verstellweg/-grad, als ich in der Architektur- und Landschaftsfotografie gemeinhin brauche. Die Objektivstandarte lässt dabei nur wenig Wünsche offen: Drehen um die Mittelachse nach rechts und nach links, friktionsgeführter Tilt nach oben und nach unten mit Feststellschraube, Horizontal- und Vertikal-Shift ebenso. Lediglich eine Rastung bei der Tilt-Nullstellung hätte ich mir gewünscht, aber vielleicht fehlt die auch nur bei meinem gebraucht erworbenen Exemplar. So ist für die lotrechte Ausrichtung der Objektivebene etwas Augenmaß vonnöten, zumal man sich an der nicht senkrecht verlaufenden Vorderkante des Standartenrahmens nicht orientieren kann.

Praxisbericht zur WISTA 45SP. Welche Verstellungen sind mit der Laufbodenkamera möglich? Foto: bonnescape.de

Oben: Eine derartige Verstellung der WISTA 45 SP – hier mit dem 150 mm Sironar N – macht zwar nicht viel Sinn, demonstriert aber die Möglichkeiten der Objektivstandarte.

Hinten sieht das anders aus. Da die Bildstandarte Bestandteil des Kameragehäuses ist, bleibt die Beweglichkeit konstruktionsbedingt eingeschränkt. Dass hier neben einer Neigung nach vorn oder hinten auch noch eine Drehverstellung um ±15° möglich ist, finde ich bemerkenswert und ist meines Wissens eine Besonderheit bei Laufbodenkameras. Da bewegt sich nach Drücken einer Entriegelungstaste allerdings eine Menge Metall in einer engen Führungsnut, so dass man beide Hände dafür braucht, was feinmotorische Einstellarbeiten erschwert. Da ist es praktisch, dass die 45 SP noch mit einer weiteren Spezialität aufwartet, die die beiden Schwestermodelle nicht bieten: Mittels zweier Drehknöpfe lässt sich der Mattscheibenrahmen links oder rechts noch ein Stück weiter aus dem Gehäuse herausdrehen, so dass direkt an der Mattscheibe eine Feineinstellung der Schärfeebene möglich ist. So lange man die Kamera nicht um 90° dreht, ist das zwar nur um eine vertikale Achse möglich, aber immerhin. Ich habe das im Einsatz schon einige Male gut nutzen können. Was man freilich nicht tun sollte, ist das Herausdrehen einer Seite, bevor die andere über den Rastpunkt des Drehknopfes geschlossen ist. Dann hakt sich nämlich der gesamte Mechanismus aus und man muss beide Seiten mit Fingerspitzengefühl wieder in die Fassung drehen.

Praxisbericht zur WISTA 45SP. Wie flexibel lässt sich die Laufbodenkamera verstellen? Foto: bonnescape.de

Oben: Nach Betätigen einer Entriegelungstaste am Kameraboden ist ein Schwenken des Kameragehäuses um je 15° nach links oder rechts möglich.

Praxisbericht zur WISTA 45SP. Fine-Tilt Optionen. Foto: bonnescape.de

Oben: Mit dem oberen Drehknopf auf der rechten Gehäuseseite der WISTA 45 SP ist ein fein gesteuerter Tilt des Mattscheibenrahmens möglich, bei dem die gegenüberliegende Gehäusekante die Drehachse bildet. Das gleiche geht umgekehrt natürlich auch auf der anderen Seite.  

Eine Verstellung, die die WISTA 45 SP bauartbedingt nicht beherrscht, ist das vertikale oder horizontale Verschieben des Bildrahmens. Da ist es auch eher ein Nachteil, dass sich Objektivstandarte und Mattscheibe in der Nullstellung am unteren Anschlag befinden. Im Vergleich zur SINAR und anderen Großformatkameras, die nach dem Prinzip der optischen Bank konstruiert sind, habe ich von vier möglichen vertikalen Shiftwegen bei der WISTA nur einen, nämlich den der Objektivstandarte nach oben. Für viele Architekturmotive ist das zunächst mal keine schlechte Ausgangsstellung, wenn die Kamera rechtwinklig ausgerichtet ist und die Objektivstandarte die vollen Shiftwege nach rechts, links oder oben zur Verfügung stellt. Möchte ich aber bei einer Aufnahme den Vordergrund ins Bild einbeziehen, erfordert das eine veränderte Arbeitsweise. Da der Mattscheibenrahmen nicht nach oben shiften kann und die Frontstandarte nicht unter das Niveau der Mattscheibe, kann ich die Kamera nicht lotrecht ausrichten, sondern muss mit einer Neigung der Kamera nach vorn beginnen und notfalls die Lotrechtstellung beider Ebenen mit einer Handwasserwaage herstellen. 

Im Praxistest: WISTA 45SP. Neigung der Großformatkamera. Foto: bonnescape.de

Oben: Ist eine senkrechte Ausrichtung der Objektiv- und Bildebene gewünscht, erlaubt die WISTA 45 SP keine Positionierung des Objektivs unterhalb der Bildmitte, da über die Null-Einstellung hinaus (Mattscheiben- und Objektivmitte auf einer Höhe) kein Downshift möglich ist. Begrenzt kann man sich dadurch helfen, dass man bei nach vorn geneigter Kamera Objektivstandarte und Kameragehäuse nach hinten abklappt und senkrecht ausrichtet. Das ist aber auf den maximalen Schwenkwinkel des Gehäuses um ca. 15° beschränkt. Reicht das nicht, kann man die Kamera nur noch um 90° kippen und den seitlichen Shift als Downshift nutzen.

Packmaß

Einer der wesentlichen Vorteile von Laufbodenkameras liegt in dem geringen Packmaß. Das ist bei der WISTA (BHT 18 x 20 x 10,5 cm) nicht anders. Damit man beim Verschließen des Gehäuses nicht die Schienenführung beschädigt, muss die Objektivstandarte sorgfältig in das Gehäuse eingefahren werden. Soll das Objektiv montiert bleiben – mit meinem 5,6/150 mm Sironar geht das –, erfordert das Zusammenklappen der Kamera noch etwas mehr Aufmerksamkeit, damit das Objektiv mittig positioniert ist und weder mit Mattscheibe noch mit dem Laufboden kollidiert. Die WISTA verwendet Objektivplatten des sogenannten Linhof-Typs mit den Abmessungen 96 x 99 mm. Ich habe alle meine SINAR-Objektive auf diese Platten umgebaut und verwende sie an der SINAR jetzt mit einer einzigen Adapterplatte. Das hat summa summarum einiges Volumen eingespart.

Wie kompakt lässt sich die WISTA 45SP für Fotowanderungen zusammenklappen? Foto: bonnescape.de

Oben und unten: Als kompakter Metallklotz zusammengeklappt passt die WISTA 45 SP in den Rucksack.

Passt die WISTA 45SP in einen Fotorucksack? Foto: bonnescape.de

Vom Öffnen, Schließen, Blindbedienen und Fingerklemmen

Ob Öffnen, Aufbauen, Schließen, Verstellen oder Fokussieren, nahezu alle Bedienschritte an der WISTA 45 SP sind gesichert, etliche Verstellwege sind friktionsgelagert. Es geht eigentlich nichts an dieser Kamera, ohne dass man irgendwo ein Feststellrädchen dreht, eine Rändelschraube löst, einen Entriegelungsknopf drückt oder mindestens einen Spannhebel umlegt. Was einerseits gut ist, da dies einem unbeabsichtigten Verstellen oder einem Rappeln beim Transport entgegenwirkt, macht die Bedienung der Kamera andererseits umständlich und weniger intuitiv. Während ich zum Beispiel meine SINAR F mit dem Kopf unter dem Dunkeltuch blind bedienen und zugleich das Ergebnis auf der Mattscheibe beobachten kann, muss ich beim Fotografieren mit der WISTA häufiger um die Kamera herumgehen und genau hinschauen, was ich tue; ... auch, damit ich mir nicht irgendwo die Finger klemme oder an irgendeiner scharfen Ecke der Führungsschiene aufratsche. Daher verlangt die WISTA trotz oder gerade wegen ihrer smarten, kompakten und auf Transportfähigkeit ausgerichteten Bauweise ein konzentriertes Fotografieren und drängt den Fotografen zum großformattypischen, entschleunigten Arbeiten.

WISTA 45SP im Praxiseinsatz mit COKIN-Filterhalter und Drahtauslöser von SCHRECK. Foto: bonnescape.de

Oben: Die WISTA 45 SP, hier mit Drahtauslöser von Schreck Feinmechanik sowie mit COKIN-Filterhalter und Grauverlaufsfilter.

Landschaftsfotografie im Hohen Venn mit der WISTA 45SP. Foto: bonnescape.de
Linhof Universalsucher, Seitenansicht. Foto: bonnescape.de

Oben: Die WISTA 45 SP Anfang dieses Jahres bei Aufnahmen im Hohen Venn. Oben im Zubehörschuh hatte ich einen alten LINHOF Universalsucher (siehe Bild linksbefestigt, um den Bildausschnitt bequemer bestimmen zu können. Dieser Sucher, der oft gebraucht angeboten wird, ist im Prinzip eine tolle Sache, erfordert aber zur Einstellung der Parallaxenkorrektur mittels Drehknopf eine sehr stabile Verbindung mit der Kamera, die mit dem Zubehörschuh der WISTA nicht erreicht wird. Da ich an der Kamera nicht herumbasteln möchte, habe ich mich von dieser Lösung mittlerweile wieder verabschiedet.

Copyright 2020 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


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Kommentare: 2
  • #1

    rz (Dienstag, 19 Mai 2020 10:36)

    Danke Klaus, für die Kameravorstellung. Ich bin gerade in der Wahl zwischen einer Toyo, einer alten Technika und einer Wista. Eine Holzkamera kommt nicht in Frage, weil ich häufig schwere Teleobjektive nutze. Das ist mir vorne nicht stabil genug. Viel Spaß mit der Wista!
    Rüdiger

  • #2

    Klaus (admin) (Mittwoch, 20 Mai 2020 13:03)

    Hallo Rüdiger,
    vielen Dank. Berichte doch zu gegebener Zeit, welche Kamera (und warum) es geworden ist. Das Argument mit den schweren langbrennweitigen Linsen auf Holzkameras teile ich.
    VG, Klaus