ROLLEIFLEX 2,8 GX zum Fotografieren

Fotografieren im Jahr 2018 ... mit einer Rolleiflex 2,8 GX

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, mit Bereitschaftstasche und Trageriemen. Foto: bonnescape

Unerschwinglich war sie damals, Ende der 1980er Jahre. Zumindest für mich mit meinem mager vergüteten Studentenjob. Der Fotoladen in der Düsseldorfer Oststraße hatte eine gebrauchte GX im Schaufenster stehen. Wenn ich mich recht erinnere, für 1.999 DM. Regelmäßig kam ich dort vorbei und ein paar Mal habe ich sie mir zeigen lassen. So lange, bis der Verkäufer mich dann kannte und wusste, dass mit mir kein Geschäft zu machen war.

Heute steht sie wieder vor mir, eine 2,8 GX

Ich konnte dem Angebot aus der Online-Auktion nicht widerstehen. Der Serien-Nr. zufolge handelt es sich um das Modell 1 in der schwarzen Standardausführung, gefertigt im Jahr 1989. Letzteres ist nicht so einfach zu erkennen, denn im Gegensatz zu der fortlaufenden Nummerierung früherer Serien hatte der Hersteller mit der GX-Baureihe kodierte Seriennummern eingeführt. Einen guten Überblick über die ROLLEIFLEX-"Nummerologie" bietet die Seite www.rolleigraphy.org/sn80.php

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Frontansicht. Foto: bonnescape

Mit rund 1,3 kg wirkt die 2,8 GX ziemlich groß und schwer, die stabile Bereitschaftstasche aus dickem Kernleder trägt dazu noch bei. Die Kamera ist mit einem 2,8/80 mm Planar Aufnahmeobjektiv und einem Heidosmat Sucherobjektiv bestückt. Die integrierte TTL Belichtungs- und Blitzmessung mit einer Nachführanzeige aus farbigen Leuchtdioden im Schachtsucher war und ist geradezu revolutionär für diesen Kameratyp. Ein bisschen Stilbruch ist sie ja schon, aber beim Fotografieren ungeheuer praktisch. Gebaut in der Zeit von 1987 bis 2002, ist die Kamera damit in der langen Evolutionskette von zweiäugigen Mittelformatkameras der Marke ROLLEIFLEX das modernste Modell, das noch in grösseren Stückzahlen produziert wurde. Das Adjektiv "modern" ist allerdings relativ zu verstehen, denn in den 80er Jahren war das Bauprinzip der zweiäugigen Kamera, knapp 60 Jahre nach seiner Markteinführung, bereits veraltet. Links und rechts von einäugigen Spiegelreflexsystemen aus Schweden, aus Fernost und schliesslich aus den ROLLEI-eigenen Reihen überholt, waren zweiäugige ROLLEIFLEXen egal welchen Alters mittlerweile mehr verehrte Vitrinenobjekte als Kameras, die wirklich zum Fotografieren genutzt wurden. Kaum jemand, den ich kannte, fotografierte Ende der 1980er Jahre noch professionell mit einer zweiäugigen Mittelformatkamera. Alle äusserten Lob und Bewunderung für diesen Kameratyp und die berühmten Fotografen, die mit ihm in der Vergangenheit Fotografien von bleibendem Wert geschaffen hatten. Aber damit noch fotografieren? Eher nicht. Zu langsam, zu umständlich, zu unergonomisch in der Bedienung, zu anfällig für Fehler des Fotografen und (zumindest bei ROLLEIFLEX) ohne die Option von Wechselobjektiven und Filmkassetten.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Blick durch den Schachtsucher. Foto: bonnescape

Oben: Fotografieren mit der ROLLEIFLEX 2,8 GX. Im Sucher erscheint das Bild aufrecht stehend, aber seitenverkehrt. Unten das Bildergebnis. Aufnahme mit FUJICOLOR Reala 100, Scan mit mittlerer Auflösung mit dem EPSON V800 Photo. Die Bildgröße beträgt etwa 25 Megapixel.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Foto "Blick in den Sommer-Garten". Foto: bonnescape

Fotografieren mit der 2,8 GX

Die Bedienelemente sind gut aufgeräumt und durchdacht platziert: Der Fokussierknopf mit Entfernungs- und Tiefenschärfeskala befindet sich auf der linken Kameraseite. Die beiden Rändelrädchen vorne links und rechts zwischen den Objektiven dienen zur Einstellung von Verschlusszeit und Blende, während die fünf LEDs im Sucher passend dazu das Messergebnis anzeigen: Grün für korrekt belichtet, die gelbe LED links daneben steht für -1/2 Lichtwert, die äusserst linke rote LED für -1 Lichtwert und mehr. Die beiden LEDs rechts von der Mitte entsprechend +1/2 und +1. Die aktuell eingestellte Verschlusszeit und Blende kann man in dem kleinen, nach oben zeigenden Fenster an der Fassung des Sucherobjektivs ablesen. Schaut der Fotograf also gesenkten Hauptes in Richtung Schachtsucher, erschliessen sich ihm alle relevanten Angaben auf einen Blick: Bildgestaltung, Belichtungsmessung, Verschlusszeit, Blende, passend dazu Tiefenschärfe und die eingestellte Entfernung zum Objekt. 

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Foto "Industriearchitektur, Kontrollturm". Foto: bonnescape

Oben: Industriearchitektur, Kontrollturm, ROLLEIFLEX 2,8 GX, Film und Scan wie oben.

Das obere Objektiv der ROLLEIFLEX und der diagonal dahinter platzierte Spiegel projizieren das Motiv auf die Mattscheibe. Die durch den Schachtsucher betrachtete Projektion ist aufrecht stehend, aber seitenverkehrt und erlaubt bei normalen Lichtverhältnissen eine gute Bildbeurteilung. Die herausklappbare Sucherlupe hilft notfalls beim präzisen Scharfstellen. Das eigentliche Foto wird mit dem unteren Objektiv der Kamera aufgenommen. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass das untere in der Regel das bessere Objektiv ist und das obere häufig das lichtstärkere, zumindest bei vielen älteren Kameras. Durch den Abstand von Aufnahme- und Sucherobjektiv entsteht eine Parallaxe, die sich vor allem bei Nahaufnahmen bemerkbar macht, die mit der 2,8 GX bis 1m möglich sind. Die Bildwiedergabe im Sucher ist dann nicht mehr mit der auf dem Film identisch, sondern leicht versetzt. Noch näher ans Motiv kommt man mit den zweiteiligen ROLLEINAR Nahlinsensätzen. Damit sich die Parallaxe dann nicht noch stärker auswirkt, beinhaltet der Teil, der für das Sucherobjektiv gedacht ist, eine optische Korrektur und muss in einer bestimmten Richtung aufgesetzt werden. Der COMPUR-Zentralverschluss der Rolleiflex ist extrem leise und ermöglicht eine Synchronisation angeschlossener Blitzgeräte bei allen Verschlusszeiten, was eine Vielzahl von Möglichkeiten bei der Bildgestaltung ermöglicht, die sich mit den Schlitzverschlüssen anderer Kameras nicht realisieren lassen. 

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Aufsetzen des Nahlinsensatzes ROLLEINAR I. Foto: bonnescape

Oben: Rolleinare bestehen aus einer flachen Nahlinse für das Aufnahmeobjektiv und einem höheren Linsenaufbau mit Parallax-Korrektur, der mit der abgeflachten Seite nach unten eingesetzt und dann zur Verriegelung um 45° nach rechts gedreht wird.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, mit Nahlinsensatz ROLLEINAR I und Gegenlichtblende. Foto: bonnescape

Oben: Damit die Gegenlichtblende mit den Rolleinaren zusammen verwendet werden kann, hat sie in ihrer Fassung eine Aussparung, die beim Aufsetzen zum Sucherobjektiv zeigen muss.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Foto "Brillenspiegelung". Foto: bonnescape

Oben: Nicht so einfach, mit dem Rolleinar die Schärfe präzise zu setzen. Die eh schon geringe Tiefenschärfe des Mittelformats tut da ein Übriges, wenn man nah ran geht ans Motiv. Bei diesem Portrait (Ausschnitt) ist nur der Fotograf in der Brillenspiegelung scharf geworden.  :-)))

Unten: Dito, besonders wenn sich das Motiv bewegt. Auch hier ist das Setzen der Schärfe nicht optimal gelungen.

Beide Bilder mit ROLLEIFLEX 2,8 GX und Rolleinar 1, Film und Scan wie oben.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Foto "Hündchen". Foto: bonnescape

Bei der 2,8 GX führt man den Film von der unteren Ausgangsspule über zwei Rollen unterhalb und oberhalb des Aufnahmeschachts bis zur Zielspule und fädelt den Anfang des Trägerpapiers in den Schlitz der Spule ein. Mit Drehen der Kurbel im Uhrzeigersinn wird der Film nun ein Stück weit transportiert, bis die Pfeilmarkierung links und rechts auf den roten Punkt zeigt. Dann kann die Kamerarückwand geschlossen werden. Tatsächlich ist die GX hier etwas einfacher gehalten als ihre Vorgänger. Diese verfügten über einen Transportmechanismus mit feinmechanischer Abtastung des Filmanfangs, so dass man die Rückwand sofort nach Einfädeln des Films in die Zielspule schliessen konnte.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Einlegen des Films, über die Rollen oder dazwischen?. Foto: bonnescape

Oben: Achtung, wird häufig falsch gemacht: Bei der ROLLEIFLEX 2,8 GX und den Nachfolgemodellen läuft der Film über die Rollen (rechtes Bild), nicht unter bzw. zwischen zwei Rollen (linkes Bild) wie bei früheren Modellen!

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Einlegen des Films mit Startmarke. Foto: bonnescape

Oben: Die Markierung auf dem mittels Kurbel weitergedrehten Film hat die roten Punkte neben der Filmführung erreicht. Die Rückwand kann nun geschlossen werden.

Der Film wird nun weitergekurbelt, bis im Zählfenster die Nr. 1 erscheint. Eine kurze Drehung der Kurbel zurück spannt den Verschluss und gibt den Auslöser frei, der sich an der Kameravorderseite unten rechts befindet und nach Lösen des Abdeckkäppchens auch das Einschrauben eines Drahtauslösers erlaubt. Für die Folgeaufnahmen geht's entsprechend weiter: Ein kurzer Kurbelweg im Uhrzeigersinn transportiert den Film, eine Drehung zurück spannt den Verschluss. Da die Zielspule mit zunehmend aufgerolltem Film dicker wird, variiert der Drehweg, den man mit der Kurbel bis zum jeweils nächsten Bild zurücklegt. Für den gleichmäßigen Bildabstand auf dem Film sorgt eine automatische Transportsperre. Nach dem zwölften Bild bleibt die Sperre ausgeschaltet und man dreht die Kurbel weiter, bis das Kurbeln plötzlich spürbar leichter geht. Gegebenenfalls hört man auch das Umschlagen des Papierendes. Nun befinden sich Film und Trägerpapier vollständig auf der Zielspule und die Rückwand kann geöffnet werden. Letzteres sollte man nicht in der Sonne oder unter einer Lichtquelle tun, um unerwünschtes Eindringen von Licht an den Filmrändern zu vermeiden. Die Spule mit dem Film wird entnommen, das Trägerpapier straff gezogen und mit dem integrierten Klebestreifen gegen Aufwickeln gesichert. Die leere Ausgangsspule setzt man dann nach oben und nutzt sie als Zielspule für den nächsten Film.

Das Fotografieren mit der ROLLEIFLEX erlebe ich als einen bewussten, fokussierten Vorgang. Ich muss mich auf den Prozess und das Motiv konzentrieren, um keinen Mist zu bauen. Bei wenig Licht, aber auch bei sehr hellem Umgebungslicht ist das Sucherbild nicht immer so brillant, wie ich es mir wünschen würde. Bringe ich das Auge so nah an den Schachtsucher, dass Fremdlicht von oben abgeschirmt wird, bin ich zu nah an der Mattscheibe, um noch scharf zu sehen. Mit der herausklappbaren Lupe geht es ganz gut, aber ich sehe dann nur noch einen Bildausschnitt. Also Lupe ausklappen - ist das Bild scharf? - Lupe einklappen - Nachführmessung - Kontrolle von Belichtungszeit und Blende - Bildgestaltung - leichter Positionswechsel - wieder Lupe - usw. usf. Schliesslich habe ich das Foto im Kasten - zumindest hoffe ich das - und habe in dieser Zeit des Fotografierens tatsächlich nichts Anderes gedacht und getan als Fotografieren. In der heutigen Zeit, die unserem Geist Hyperaktivität und mentales Multitasking abverlangt, hat die Konzentration einzig und allein auf das, was man gerade tut, fast etwas Meditatives. 

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Foto "Bauernhaus". Foto: bonnescape

Oben: Strukturen, Rolleiflex 2,8 GX, Film und Scan wie oben.

Andere Arbeitsweise, andere Bilder, anderer Bezug ...

Der entwickelte Film ist zurück. Ja, ich gebe es zu und es ist mir etwas peinlich: Ich habe ihn nicht selbst entwickelt, so wie früher, sondern eingeschickt. Schande über mein Haupt. Aber ich wollte auch die Farben sehen, die die Kamera mit einem Farbfilm zustande bringt und habe dazu einen alten Film aus dem Eisfach meines Kühlschranks gefischt. Einen eigenen C-41* Prozess dafür aufzubauen, war mir dann doch etwas zu aufwändig.

Die einzelnen Bilder sind von guter Schärfe. Zumindest diejenigen, die ich nicht mit dem Rolleinar aus der Hand geschossen habe. Nicht alle sind perfekt belichtet, insbesondere wenn der Himmel mit im Bild ist, aber sie sind durchweg verwendbar. Einige Bildausschnitte sind allerdings nicht ganz so, wie ich sie in Erinnerung habe. Für weitere Filme, die sicher noch dazu kommen werden, muss ich mich mit den Auswirkungen der Parallaxe bei der ROLLEIFLEX beschäftigen, um bei den einzelnen Aufnahmeabständen ein Gefühl dafür zu bekommen, wie weit gegebenenfalls durch leichtes Neigen der Kamera eine Korrektur erforderlich ist.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Foto "Maisfeld am Spätnachmittag". Foto: bonnescape

Oben: Maisfeld am Spätnachmittag, Rolleiflex 2,8 GX, Film und Scan wie oben.

Währenddessen ist meine Beziehung zu jedem einzelnen der 12 Fotos auf dem Film irgendwie anders als bei meinen digitalen Bildern. Mehr geprägt durch Wertschätzung, wenn man so will. Einfach, weil ich während des Entstehungsprozesses viel mehr Zeit und Konzentration investiert habe, bis ich auf den Auslöser gedrückt habe. Und, weil am Ende ein greifbares Ergebnis auf Zelluloid vor mir liegt, statt einer von vielen virtuellen Datensätzen auf dem Rechner, den man schnell verwirft, falls er nicht zufriedenstellend gelungen ist. Ob bildmäßig perfekt oder nicht, das Filmnegativ ist schlichtweg existent und liegt als greifbares Dokument vor mir. Und selbstverständlich würde ich es niemals wegwerfen.

Fazit: Vollautomatisch kann doch Jeder!

Zu langsam, zu umständlich, zu unergonomisch in der Bedienung, zu anfällig für Fehler des Fotografen und ohne die Option von Wechselobjektiven und Filmkassetten. Und dann das gespannte Warten auf den entwickelten Film, ob überhaupt was drauf ist ...

Ja, das stimmt alles so. Aber ist das nicht wunderbar? Vollautomatisiert, mit Super-Zoom und den Möglichkeiten, schiefgegangene Bilder am Rechner digital zu retten, kann es doch Jeder! Auch wenn die aktuellen Fotojobs heute zuverlässiges, schnelles, digitales Aufnahmewerkzeug verlangen: Man kann immer noch genussvoll mit einer ROLLEIFLEX fotografieren. Obwohl es ein bisschen was von Selbstkasteiung mit rückständiger Technik hat: Die Bilder wollen erarbeitet werden. Daraus kann jedoch ein künstlerischer Wert entstehen, der - wenn man dies zu schätzen weiss - gerade eben in der Beschränkung auf eine einzige Brennweite liegt und auf die 12 Bilder, die auf einen Film passen. Das Fotografieren mit einer ROLLEIFLEX bringt eine Entschleunigung und eine Konzentration auf den fotografischen Prozess mit sich, die es in der digitalen Massenanfertigung von Bildern oftmals so nicht mehr gibt. Mit einer zweiäugigen Mittelformatkamera fotografiert man anders und gelangt auch zu anderen Bildergebnissen. Das kann der persönlichen fotografischen Ausdrucksweise durchaus gut tun und macht jede Menge Spaß.

* C-41 ist ein seinerzeit von KODAK eingeführtes chemisches Verfahren zur Entwicklung von Farbnegativfilmen und ist heute sowohl in professionellen Farblabors als auch im Heimlaborbereich immer noch der gängige Standard.

Praxistest ROLLEIFLEX 2,8 GX, Frontansicht. Foto: bonnescape

Copyright 2018 by Klaus Schörner / www.bonnescape.de


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Kommentare: 1
  • #1

    Manni (Samstag, 11 August 2018 09:58)

    Hallo Klaus,
    ich habe keine GX, aber eine 3,5 F. Dein Beitrag motiviert mich, die nochmal für ein paar Filme rauszuholen.
    Liebe Grüße
    Manni